Frau Multitasking

Sonja Hug ist gerne im Hintergrund.  (Bilder: sa)

Ihr Gesicht kennen die Onko-Plus-Patientinnen und -Patienten nicht, ihren Namen aber schon: Sonja Hug managt das Sekretariat der Stiftung für mobile spezialisierte Palliativ- und Onkologiepflege. Das macht die Schnelldenkerin mit viel Fingerspitzengefühl.

An diesem Morgen klingelt das Telefon ungefähr zwei Mal pro Stunde. «Das ist nicht viel», sagt Sonja Hug entspannt. Meist rufen die Menschen aber, die etwas vom Onko-Plus-Sekretariat wollen, gleichzeitig an. Trotzdem kann man diese Frau nicht so schnell aus der Ruhe bringen. Die 34-Jährige behält den Überblick, wenn das Chaos tobt. Am Abend zuvor meldete ein Hausarzt kurz vor Büroschluss noch eine Patientin an. Es sei dringend. Er hat Hug Unterlagen geschickt, die sie nun ausdruckt.

Sie ruft die Angehörigen dieser neu angemeldeten Patientin an: Wie geht es ihr zurzeit? Welches Problem steht im Vordergrund? Hug schlägt einen Termin für ein Erstgespräch vor. Sie kennt die Namen der Patientinnen und Patienten gut – sie ruft sie oder ihre Angehörigen regelmässig an, um Termine zu bestätigen –,  aber nicht ihre Gesichter. «Das ist mir auch recht», sagt sie. Sonst würden sie die vielen Todesfälle zu stark belasten.

Wer Sonja Hug sieht, merkt, dass sie eine zarte Person ist. Wer sie länger kennt, weiss: Sie ist auch zäh. Weinen Angehörige am Telefon, hört sie ihnen geduldig zu. «In den allermeisten Fällen können wir ihnen Hilfe anbieten. Wir kümmern uns um sie. Das gibt ihnen Hoffnung.»

Sonja Hug möchte konkret ermöglichen, dass ein neu aufgenommener Patient rasch einen Termin erhält. Es ist für sie ein Erfolgserlebnis, wenn jemand zu Hause sterben kann, obwohl zu Beginn Vieles dagegen sprach und nur wenige ihn in seinem Wunsch unterstützten.

Sie notiert sich ab und an etwas in gut leserlichen Druckbuchstaben mit Kugelschreiber, sie führt mehrere To-Do-Listen und ihre Finger flitzen in horrendem Tempo über die Tastatur. In ihrem Kopf aber muss Ordnung herrschen.

Schaut man ihr beim Arbeiten über die Schulter, wundert man sich: Ordentlich sieht der Schreibtisch nicht aus. Da liegen mehrere Papierstapel, frisch gedruckte Rechnungen, ausgedruckte Formulare, einzelne Zettel, Mäppchen mit Spesenbelegen, Couverts und Notizblöcke. Und jeder Telefonanruf zieht weitere Abklärungen und Aufgaben nach sich. Sie notiert sich ab und an etwas in gut leserlichen Druckbuchstaben mit Kugelschreiber, sie führt mehrere To-Do-Listen und ihre Finger flitzen in horrendem Tempo über die Tastatur. In ihrem Kopf aber muss Ordnung herrschen. Denn plötzlich kommt ihr etwas vom Vortag in den Sinn, das sie noch erledigen muss und springt vom Bürostuhl auf. Namen von Patientinnen und Patienten sowie deren Wohnorte weiss sie zudem zum Teil Jahre später noch auswendig.

Sonja Hug ist das Gedächtnis von Onko Plus. Sie ist die Mitarbeiterin, die am längsten beim mobilen Palliative-Care-Team arbeitet. 2007 trat sie ihre Stelle an. Damals hiess die Organisation noch Onko-Spitex. Hug hat fünf Geschäftsführende «überlebt» (zwei davon interimistisch), sie hat Strategien kommen und gehen sehen, das ganze Pflegeteam wechselte sich komplett aus. Bald feiert sie ihr 10-Jahre-Dienstjubiläum – sie ist eine treue Seele.

«Die Pflegenden sollen einen guten Einsatzplan haben, das heisst etwa: ohne zu lange Wegzeiten. Sie sollen bei den Patientinnen und Patienten zu Hause sein und sich nicht mit Unwichtigem aufhalten müssen.»

«Ich, die nie das KV machen wollte, bin doch im Büro gelandet.» Sonja Hug hat sich kurz Zeit genommen für einen Kaffee. Sie lächelt und sagt, sie habe als Kind nie einen Berufswunsch gehegt. Nach der obligatorischen Schulzeit begann sie mit dem Gymi, weil ihr nichts anderes in den Sinn kam. Später brach sie es ab. Eine Kollegin brachte sie auf die Idee, eine Lehre als Arztgehilfin zu machen. Dieser Job gefiel ihr: Er war vielseitig, abwechslungsreich, der Kontakt mit dem ganzen Team sagte ihr zu. Zudem hatte sie ein gutes Verhältnis zu den Patientinnen und Patienten. Sie habe in der Lehre gelernt, dass es ihre Aufgabe als medizinische Praxisassistentin sei, dem Arzt den Rücken freizuhalten, ihm alles Organisatorische und Administrative abzunehmen und einen reibungslosen Ablauf zu garantieren.

Diese Philosophie des Rückenfreihaltens lebt sie auch in ihrer Arbeit für Onko Plus aus: «Die Pflegenden sollen einen guten Einsatzplan haben, das heisst etwa: ohne zu lange Wegzeiten. Sie sollen bei den Patientinnen und Patienten zu Hause sein und sich nicht mit Unwichtigem aufhalten müssen.» Kommen die Pflegenden von ihren Einsätzen zurück oder rufen sie an, tauscht sich Sonja Hug gern mit ihnen aus. So verschafft sie sich erstens einen Überblick über die Situation der Patientinnen und Patienten. Das hilft ihr wiederum bei der Einsatzplanung. Zweitens weiss sie, wie es den Kolleginnen und dem Kollegen geht, wie viel sie zu tun haben und wie belastet sie sind. «Wir sind ein Team, es ist ein Miteinander», sagt sie.

Sonja Hug tauscht sich gerne mit den Pflegenden aus, wenn sie von ihren Einsätzen zurück sind. Im Bild mit Lea Furrer.

Vorhersehbar sind Hugs Arbeitstage selten. Eben ruft ein besorgter Mann an: Die Schmerzpumpe seiner Lebenspartnerin sei kaputt. Die Tasche sei jedenfalls ganz nass. Sonja Hug verbindet den Anrufer mit Lea Furrer, der Pflegenden, die an diesem Tag Pikettdienst hat. In der Zwischenzeit checkt sie den digitalen Kalender, um zu sehen, ob sie notfalls einen Besuch an der Goldküste einplanen könnte. Furrer ist zwar am linken Zürichseeufer unterwegs. «Aber diesen Besuch könnten wir auf Morgen schieben.» Schliesslich kann Furrer beide Besuche sogar noch am gleichen Tag machen: Der Beutel mit dem Schmerzmittel hatte tatsächlich ein Loch. Etwas, das sonst nie vorkommt. Um auf die andere Seeseite zu kommen, nimmt sie die Fähre.

«Ich jongliere die Termine ohne grossen Aufwand. Meist kann ich ermöglichen, dass es für alle stimmt.»

Sonja Hug ist zufrieden. Wie immer, wenn sie ein Problem gelöst hat: «Ich jongliere die Termine ohne grossen Aufwand. Meist kann ich ermöglichen, dass es für alle stimmt.» Neben der Einsatzplanung erfasst sie die Daten neuer Patientinnen und Patienten, Ende Monat schreibt sie zusammen mit Geschäftsleiterin Ilona Schmidt die Rechnungen, sie verschickt Trauerkarten, bestellt Medikamente und Material und nicht zuletzt verschickt sie morgens jeweils die Pflegeberichte vom Tag zuvor: Alle involvierten Stellen und Personen rund um einen Patienten oder eine Patientin – die lokale Spitex, der Hausarzt, die Spezialärztin, die Angehörigen – sollen gleich viele Informationen haben. Nur so kann eine Patientin oder ein Patient optimal betreut werden, und in einer Krisensituation gehen alle vom aktuellsten Stand aus. Das klingt banal, ist aber ein ziemlich wichtig und ein grosser Aufwand. Onko Plus versteht sich auch als Informationsdrehscheibe.

Ausser, dass sie das Onko-Plus-Sekretariat schmeisst, unterstützt Sonja Hug auch den Palliativmediziner Andreas Weber. Er hat im Zürcher Oberland ebenfalls ein mobiles Palliative-Care-Team aufgebaut. Sie hütet sein Praxistelefon, schreibt Diktate, bestellt Medikamente und erstellt seine Rechnungen. Seit neustem drückt sie ausserdem die Schulbank: Sie bildet sich an einem Tag pro Woche zur Chefarztsekretärin weiter.

Wieder klingelt das Telefon. Die Anruferin sucht Frau Dürst. «Das bin ich», sagt Sonja Hug und schmunzelt. Letzten Herbst hat sie ihren langjährigen Freund geheiratet. An den Hochzeitsapéro war das gesamte Onko-Plus-Team eingeladen; zwei Kolleginnen amteten gar als Brautjungfern. Die Braut sah wunderschön aus und strahlte – und stand für einmal im Mittelpunkt. Ganz so, wie es die frischgebackene Frau Hug eigentlich nicht besonders mag. Sie steht sonst lieber im Hintergrund, jongliert ihre vielen Aufgaben und hält anderen den Rücken frei. «Das macht mich zufrieden.»

Es sind viele kleine Aufgaben wie das Versenden der Trauerkarten, die Sonja Hugs Arbeitstag abwechslungsreich machen.

2017-08-30T16:58:59+00:00 17.08.17|