Protokoll eines Abschieds

«Wollte er mich schonen oder wollte er die Wahrheit nicht sehen?» Sylvia S. Partner ging erst zum Hausarzt, als er bereits im ganzen Körper Metastasen hatte (Bild: sa).

Sylvia S. hat ihren Lebenspartner gepflegt, als dieser schwer an Speiseröhrenkrebs erkrankte. Er hatte zwei Wünsche: nicht mehr ins Spital müssen und klar bleiben im Kopf.

Sylvia S. kennt alle Daten auswendig:

Am 19. September 2016 ging ihr Lebenspartner, Vendelin A., endlich zum Hausarzt. Der 67-Jährige konnte schon seit Wochen nicht mehr gut schlucken und musste mehrmals erbrechen. Ihr gegenüber stritt er alles ab. Sie fragt sich noch heute: Wollte er sie, die selber gesundheitliche Probleme hat, schonen? Oder wollte er die Wahrheit nicht sehen?

Angefangen hatte alles mit einem unaufhörlichen Räuspern. Als sie ihn darauf ansprach, meinte er, das habe sein Vater schon gehabt. Später mochte er nicht mehr frühstücken. «Dann frühstücke ich halt allein», sagte sich die 62-Jährige. Sie waren seit elf Jahren ein Paar, waren an der Fasnacht zusammengekommen. Heiraten wollten sie nicht. Sie hatten beide in früheren Beziehungen schlechte Erfahrungen gemacht.

Vom 22. bis zum 25. September reisten sie zusammen ins Trentino.

Nach einem anfänglich unauffälligen Blutbild musste er am 20. Oktober zur Magenspiegelung. Danach hiess es, er habe eine Verengung in der Speiseröhre.

Die Hiobsbotschaft

Die definitive Diagnose eröffnete ihm der Hausarzt am 25. Oktober 2016: Speiseröhrenkrebs, der bereits über die Lymphe in den ganzen Körper gestreut hatte. Obwohl A. gesagt hatte, er rechne mit dem Schlimmsten, brach er nach diesem Bescheid in ihrem Auto zusammen. Sie hatte ihn zur Praxis gefahren. Sie sassen danach über eine Stunde im Auto.

Sie versprach ihm an diesem Tag, dass er zu Hause sterben darf, und nahm ihn zu sich in die Wohnung. Seine eigene Wohnung war wegen einer Treppe unpraktischer. Sie konnte sich flexibel auf die neue Situation einstellen, arbeitet nur unregelmässig in einem Büro. Ausserdem hilft sie ihrer Schwägerin, die Tiere – Schafe, Ziegen, Hühner, Kaninchen, Schildkröten und Enten – zu versorgen, die sie rund ums Haus halten. S. und ihr Bruder leben immer noch auf dem Grundstück, auf dem sich einst der elterliche Bauernhof befand. Heute stehen dort drei Wohnhäuser und ein Gewerbehaus.

Er konnte bei ihr von seinem Bett aus die Schafe hören. Er war gelernter Elektriker und Sanitär und hatte 13 Jahre lang in einem Spital gearbeitet, wo er technische Geräte wartete. Er hegte den grossen Wunsch, seine letzte Lebensphase nicht in einer Klinik, sondern in den eigenen vier Wänden zu verbringen. Ausserdem war es ihm ein Anliegen, im Kopf so lange wie möglich klar zu bleiben.

Bis Ende November hatte er wie durch ein Wunder nur wenig Schmerzen.

«Gefleckt wie ein Dalmatiner»

Am 9. Dezember besuchte das Paar noch das Furbaz-Konzert in Uster. Er liebte die Band, die wie er aus den Bündner Bergen stammt. Vor Schmerzen schafft er es nur mit Mühe und Not, das Konzert durchzustehen. Aber er wollte unbedingt noch mit der Band sprechen, deren Mitglieder er persönlich kannte.

Am 22. Dezember begann man mit der Bestrahlung. Einer der Radiologen fragte den Patienten, ob er sein Röntgenbild schon einmal gesehen habe. Er wollte es nicht sehen, sie aber wollte. «Ich wäre fast in Ohnmacht gefallen», erzählt sie. «Er hatte im ganzen Körper verstreut Metastasen. Er war gefleckt wie ein Dalmatiner.»

Am Weihnachtsabend ass er zum letzten Mal richtig: Hackbraten und Kartoffelstock.

Am 5. Januar 2017 fuhr sie ihn notfallmässig von ihrer Ferienwohnung in Disentis, wo sie zusammen Silvester feierten, hinunter ins Waidspital. In der Nacht zuvor war Schnee gefallen. «Ich fuhr wie auf rohen Eiern.» Dort sagte ihm die Oberärztin erstmals, wie schlecht es um ihn stehe. Er wollte nur noch nach Hause, musste aber noch ein paar Tage im Spital bleiben, um die Medikamente besser einzustellen.

Chemo oder nicht?

Vom 11. Januar an erhielt Vendelin A. eine Dauer-Chemotherapie, sowie drei Mal eine zusätzliche medikamentöse Therapie. Das Ziel war, das Wachstum der Metastasen zu stoppen. Die Dauer-Chemo habe seine Lebensqualität noch etwas steigern können, sagt Sylvia S.. Wenn sie aber gewusst hätte, wie schlecht es tatsächlich um ihn steht, hätte sie ihm geraten, gar nichts mehr zu tun, ausser die Schmerzen zu lindern. Sie wäre mit ihm in sein geliebtes Disentis gefahren. Dort sei er immer sehr klar gewesen, habe klar benennen können, was er will und was nicht.

Mitte Januar musste er notfallmässig zwei Rückenwirbel bestrahlen lassen. Sie drohten zu brechen, er wäre dann gelähmt gewesen. Er wolle noch zehn Jahre leben, sagte er einmal zu einer Ärztin. Kam Besuch, sass er auf dem Sofa und sagte: «Das kommt dann schon wieder, wenn ich wieder essen kann.» Er habe nicht wahrhaben wollen, wie schlecht es um ihn steht, vermutet seine Partnerin. Er zeigte auch nicht, wie er litt. Nicht einmal ihr.

Am 8. Februar sagte er, er wolle aufhören mit der Chemo. Ab diesem Zeitpunkt wurden die lokale Spitex und Onko Plus ins Boot geholt. A. nahm pro Woche vier Kilogramm ab, verlor insgesamt 34 Kilogramm. Er wurde schliesslich künstlich ernährt. Er habe stets das Display der Ernährungspumpe kontrolliert und es immer in seine Richtung gedreht, erzählt S. «Er war sehr pingelig.»

Mitten in der Nacht zum Rendevouz

Etwa ab dem 14. Februar war er verwirrt und aggressiv. In der Nacht auf den 25. Februar weckte er seine Partnerin aufgeregt. Er habe «ein Rendezvous mit Sylvia am Katzensee». Er müsse sich parat machen. Sie half ihm, legte Kleider und Socken raus. Sie sagte, sie könne ihn dorthin fahren. So konnte sie ihn wieder beruhigen. Ab dem nächsten Tag verliess er das Bett nicht mehr, schlief nur noch, reagierte aber auf Berührungen.

Am 26. Februar verabschiedete sich seine Schwester von ihm. Sie war eine Woche zu Besuch gewesen und fuhr zurück nach Köln. Auf Romanisch hatte sie in den Nächten auf ihren «Bueb», wie sie ihn nannte, eingeredet und so seine Unruhe mildern können. Ab dann sass eine Nachtwache an seinem Bett. «Er hat so gekarchelt. Ich konnte nicht mehr schlafen neben ihm», sagt seine Partnerin. Ein Morphin-Pflaster sollte seine Schmerzen lindern. Die Schmerztabletten konnte er nicht mehr schlucken.

Am 27. Februar stellte ihm eine Onko-Plus-Mitarbeiterin die Nahrung ab und hängte eine Morphin-Pumpe an. Sie solle drücken, wenn er Schmerzen habe, instruierte sie Sylvia S.. Sie erkenne dies an den verkrampften Händen oder den Falten auf der Stirn.

Er starb pünktlich um acht Uhr

Die zweite Nachtwache ging am Dienstagmorgen, 28. Februar 2017, etwas früher. S. machte sich eine Tasse Tee und strich sich ein Brot. Sie setzte sich damit neben ihren Partner, war froh allein zu sein mit ihm. Sie erzählte ihm, dass es in der Nacht geschneit habe. Sie sagte ihm, dass sie sich um seine Tochter kümmern werde. Sie versprach ihm, die Flussfahrt, die sie noch zusammen machen wollten, alleine zu machen oder mit jemandem, den er auch gut mochte. Sie sagte ihm, dass sie seine Asche in seinen geliebten Bergen verstreuen würde. Sie streichelte ihn und sagte: «Wir haben alles besprochen. Ich konnte dir alle deine Wünsche erfüllen. Du kannst jetzt gehen.»

Er habe regelmässig und ruhig, aber immer schwächer geatmet. Punkt acht Uhr starb er. «Das war typisch für ihn. Er war immer sehr pünktlich gewesen.»

Ab der Diagnose hatte er noch vier Monate und drei Tage gelebt. In dieser Zeit waren die beiden immer zusammen gewesen.

2017-06-21T16:17:03+00:00 16.06.17|