«Wenn etwas wäre»

Was macht ein Palliative-Care-Team eigentlich während eines durchschnittlichen Patientenbesuchs? Olaf Schulz war bei Patient Fredi Scheitlin zur Symptomkontrolle.

Dieser Film entstand gut eine Woche, bevor Fredi Scheitlin überraschend gestorben ist. Der 71-Jährige unterstützte unseren Blog tatkräftig, indem er uns mehrere Video-Interviews gegeben hatte. Weil dieser Film allgemein Gültigkeit hat – so laufen unsere Symptomkontrollen in der Regel ab – wollen wir diesen dennoch zeigen. Es wäre in Scheitlins Sinn gewesen.

Onko Plus, die Stiftung für mobile spezialisierte Palliativ- und Onkologiepflege, blieb bei Fredi Scheitlin im Hintergrund. Der 71-Jährige befand sich in den letzten Monaten in einem stabilen Zustand. Das heisst, sie besuchte ihn in der Regel nur alle drei Wochen. Der ehemalige Architekt, dem vor allem Metastasen im Hirn zu schaffen machen, war gut betreut. Er hatte eine Privatpflegerin, die Spitex, die ihm die Medikamente richtete, und seinen Hausarzt, bei dem er alle drei Wochen vorbeiging. Auch wenn es Scheitlin verhältnismässig gut ging, war es für Onko Plus dennoch wichtig, sich selbst ein Bild zu machen. Man wollte für eine Krise oder einen Notfall gewappnet sein. «Wenn etwas wäre, können Sie einfach anrufen!» sagte Onko-Plus-Mitarbeiter Olaf Schulz zu Scheitlin bei der Verabschiedung.

Tatsächlich war Fredi Scheitlin kürzlich froh, konnte er morgens um 6 Uhr die Pikettnummer wählen.

Autonom und selbstbestimmt

Der ehemalige Architekt ist gleich an zwei Krebsarten erkrankt: Zuerst hatte er ein Sarkom in der Brust und musste eine Brust sowie eine Rippe entfernen lassen. Dann entdeckte man auch noch einen Darmkrebs. Dieser produzierte Ableger in der Lunge sowie im Hirn. Vier von fünf Hirnmetastasen konnte man nicht mehr entfernen. Nach mehreren Aufenthalten im Spital, in der Rehaklinik und im Pflegeheim lebt er immer noch in der eigenen, modernen Wohnung am Stadtrand von Zürich.

In der ersten Folge ging es um den «Balanceakt», den Tag mit möglichst wenig Schmerzen zu überstehen und ihn trotzdem mit Inhalt zu füllen. Der pensionierte Architekt ist ein kreativer Kopf, der unter anderem zum Zeitvertrieb skizziert und zeichnet. Bewegung an der frischen Luft ist ihm ebenfalls wichtig. Zwar kann der ehemalige Rennvelofahrer und Modellflugzeug-Flieger keine grossen Sprünge mehr machen. Den täglichen Gang zum Briefkasten oder den Einkauf lässt er sich aber trotz Privatpflege nicht nehmen. Ein Rollator gibt ihm während seiner kleinen Rundgänge Sicherheit.

In der zweiten Folge berichtete Scheitlin, der total zufrieden wirkt, davon, was ihm jeden Tag die Kraft gibt, aufzustehen und weiterzumachen. Er lebe einfach mit der Realität, sagt er lapidar, und er könne sich an kleinen Dingen wie einer schönen Blume erfreuen, die er auf seinem täglichen Spaziergang sieht. Lebensqualität bedeutet für ihn, selber noch zu funktionieren und zu agieren. Wichtig ist ihm, noch klar denken und zu können. «Auch wenn ich alles relativ schnell wieder vergesse.»

In der dritten Folge erzählt Fredi Scheitlin von seinen «fünf, vielleicht sechs» Spital- und Rehaaufenthalten und welche Vorteile es ihm bringt, zu Hause zu leben. «In die eigenen vier Wände zurückzukehren ist natürlich und wohl der Wunsch jedes Patienten.» Dank einer Privatpflegerin muss der 71-Jährige nicht in ein Pflegeheim, wofür er sich noch zu jung, zu aktiv und interessiert hält. Er ist froh, dass seine «Gesellschafterin», wie er sie nennt, für ihn kocht, aufräumt und putzt. Er selbst wäre dafür inzwischen zu müde. Keine Mühe macht es ihm aber, Besuch zu empfangen und diesen etwa mit einem Kaffee zu bewirten.

In der vierten Folge begleiten wir Fredi Scheitlin auf einem seiner täglichen Spaziergänge und sind überrascht, wie zügig er immer noch unterwegs ist. Dennoch zeigt er sich für einmal von der nachdenklichen Seite. Der Grund sind vermutlich die Kopfschmerzen, die in letzter Zeit zugenommen haben. Er spüre einen diffusen Druck und dort, wo die vier Metastasen sind, auch ein Stechen und Beissen. Manchmal sei er schon wütend auf sein Schicksal. «Ich selbst bin am Limit, während andere in meinem Alter ihr Leben noch geniessen können.» Solche Gedanken könne er aber schnell wieder auf die Seite schieben, indem er sich ablenke.

Fortsetzung folgt nicht mehr: Fredi Scheitlin ist am 21. Juli 2017 überraschend gestorben. Wir sind traurig, und unser Mitgefühl gehört seiner Familie.

2017-08-02T10:25:23+00:00 27.07.17|