«Das Sterben geht nahe, das löst in jedem etwas aus»

Zur Person

Evi Ketterer (52) lebt in Affoltern am Albis. Als Pflegefachfrau ist sie in Anästhesie, Intensivpflege und spezialisierter Palliative Care ausgebildet. Sie praktiziert seit mehr als 20 Jahren Zen-Buddhismus.

Am Montag, 12. November 2018, liest Evi Ketterer aus ihrem Buch «Geschichten intimer Beziehungen» in Rotkreuz ZG. Seit eineinhalb Monaten arbeitet die Palliativpflegefachfrau für Onko Plus.

Du hast einige Erlebnisse aus deiner Praxis als Palliativpflegefachfrau in diesem wunderbaren Büchlein festgehalten. Weshalb?

Evi Ketterer: Ich finde, dass es zu viele Ratgeber im Gesundheits- und spirituellen Bereich über das Thema gibt, die ich sehr bevormundend finde. Für viele spirituell praktizierende Menschen ist das Schreiben eines Ratgebers offenbar eine Bewältigungsstrategie, um mit ihrer eigenen Angst vor dem Tod umzugehen.

Kannst du ein Beispiel nennen?

Auslöser für mein Schreiben war das Buch der Pflegefachfrau Bronnie Ware gewesen: «Fünf Dinge, die Sterbende am meisten bereuen». Der Ratgeber suggeriert, dass man besser stirbt, wenn man nach diesen Ratschlägen lebt. Diesen Buchtipp bekam ich etliche Male zugeschickt, und ich dachte: Jetzt reicht es!

Inwiefern ist das bevormundend?

Die Expertinnen und Experten fürs Sterben sind nur die Sterbenden selbst. Für die anderen ist das Sterben ein Konzept, für mich natürlich auch.

«Das Schreiben hat die Beziehungen wieder lebendig gemacht.»

War es auch Verarbeitung für dich, diese Geschichten aufzuschreiben?

Nein, das war es nicht. Aber ich hatte natürlich Freude an diesen Menschen, das waren innige Beziehungen. Sie waren noch präsent – aber nicht im ungesunden oder unverdauten Sinne – sondern wie man sich an früheren Beziehungen freut und diese Geschichten nochmals erzählt. Das hat sie wieder lebendig gemacht.

Man erhält ein bisschen das Gefühl, du würdest dich mit allen Patientinnen und Patienten anfreunden. Stimmt das?

Nein (lacht). Ich habe mal zusammen mit zwei anderen Kolleginnen die Frau eines Psychoanalytikers betreut. Ihm falle auf, sagte er, dass wir drei ganz verschieden seien. Ich sei ganz da, wenn ich zu Besuch komme und versuche mich nicht abzugrenzen. Meine Art und Weise, präsent zu sein dafür, was der Augenblick grad bietet, kann wohl diesen Eindruck des Freundschaftschliessens vermitteln.

Kann man jemanden überhaupt gut pflegen und betreuen ohne eine Beziehung mit ihm einzugehen?

Meine Antwort da drauf ist: Nein. In medizin-technischen Berufen erlernt man zum Teil Grenzen zu setzen. Diese in unserem Beruf aufrechtzuerhalten, kostet mehr Kraft als zu lernen, in eine Beziehung rein- und wieder rauszugehen.

Das Buch heisst ja «Geschichten intimer Beziehungen». Was ist das intime an diesen Beziehungen?

Was verstehst du unter Intimität?

Eine grosse Nähe.

Genau, und das Sterben geht sehr nahe, das löst in jedem etwas aus. Das grösste Tabu im Leben ist ja, dass ich eines Tages nicht mehr bin. Wie gehe ich damit um, wenn mir jemand gegenüber sitzt, bei dem das so klar ist? Ich muss mich ja auch auf meine eigene Vergänglichkeit einlassen können. Es ist intim, dies zu tun. Das Intime an diesen Geschichten ist diese offene Haltung, unvoreingenommen, einem Menschen zu begegnen. Wenn wir einen Menschen zu fest auf eine Diagnose reduzieren und nur Symptomkontrolle machen, verpassen wir ihn in seiner Ganzheit.

«Ich will unterbrechen, die Leserinnen und Leser sollen nicht eingelullt werden, sondern wachbleiben und daran herangeführt werden, was im Unbewussten abläuft.»

Diese Geschichten über die Menschen sind sehr spannend, man liest sie in einem Rutsch durch. Die theoretischen Überlegungen zum Beispiel über den assistierten Suizid bremsen den Lesefluss leider etwas, auch wenn es kluge Statements sind. Wie wichtig sind sie dir?

Wichtig, weil man ohne diese Hintergrundfragen die Geschichten nicht ganz versteht, zum Beispiel die Reflexion darüber, was assistierter Suizid unter verschiedenen Perspektiven ist. Ich will ja auch unterbrechen, die Leserinnen und Leser sollen nicht eingelullt werden, sondern wachbleiben und daran herangeführt werden, was im Unbewussten abläuft. Es ist uns ja zum Beispiel nicht bewusst, dass «bis das der Tod euch scheidet», heisst: Danach bleibt jemand allein zurück. Unbewusst geht nämlich jeder davon aus, dass man selbst zuerst stirbt und der andere einen dann pflegt. Einer der beiden liegt dabei aber falsch.

Inwiefern ist das Buch ein «politisches Statement», wie es auf dem Flyer zur Lesung heisst?

Die Sterbenden haben sonst keine Lobby, auch keine Stimme mehr. Sie haben nicht mehr die Kraft, für sich selbst zu sorgen, die Angehörigen in diesem Moment auch nicht. Das Buch ist einfach dazu da, der Bevölkerung bei der Frage zu helfen, wie man sterben will. Man muss für den palliativen Weg einstehen und das Thema nicht verdrängen. Sonst rennen alle zu Exit.

Das Buch ist vor zwei Jahren erschienen und du liest am Montag zum fünften Mal daraus, dieses Mal in der Bibliothek Rotkreuz. Wie gut besucht sind die Lesungen?

Meistens gut. Das Interessante ist, dass zu meinen Lesungen wirklich die Bevölkerung kommt, eher keine Fachpersonen. Manchmal sind auch noch Angehörige da, wenn ich in der Gegend jemanden gepflegt habe. Der Austausch mit den normalen Leuten interessiert mich am meisten. Sie sollen ihre Fragen loswerden können, wie Sterben in der modernen Gesellschaft funktioniert. Sonst haben sie nicht die Chance, diese Fragen zu stellen. Deshalb lese ich gerne, auch wenn ich neben dem Vollzeitjob nicht viel Zeit dazu habe.

Müssen die Onko-Plus-Patientinnen und –Patienten nun davon ausgehen, dass ihre Geschichten in deinem nächsten Werk festgehalten werden?

Nö, sie können sich ziemlich sicher fühlen (lacht). Ich schreibe momentan ja keine mehr auf. Abgesehen davon, freuten sich viele Angehörige, über die Wertschätzung, die ich ihrem Leben gegenüber gezeigt hab. Ich habe die Hinterbliebenen gefragt, wie das für sie war, in meinem Buch vorzukommen. Was ich nicht erwartet habe: Für die Trauernden war das Buch sogar ein Trost und hat ihnen in ihrer Trauerarbeit geholfen. Zudem waren sie stolz drauf, dass die Geschichten ihrer Angehörigen erzählt wurden.

Zum Buch

«Geschichten intimer Beziehungen» erzählt die Geschichten des Lebens anhand der Beziehung von Betroffenen, Angehörigen und einer Pflegefachfrau zu Ende. Es sind intime Geschichten über das Sterben, und wie es ist. Es sind die abgeschlossenen Geschichten von Menschen, die bis zu ihrem letzten Atemzug Mensch geblieben sind. Dieses Buch ist kein Ratgeber für das eigene Sterben und es vermittelt kein Wissen. Die hier erzählten Geschichten mögen dazu anregen, sich den unbeantwortbaren Fragen des Lebens zu stellen und zu sehen, wie andere Menschen damit umgegangen sind, bevor sie starben. Jeder Mensch ist einzigartig und so ist es die Geschichte seines Endes. Dies ist in erster Linie ein Buch über die Würde des Sterbens in unserer Gesellschaft. Zwischen einzelnen Geschichten befinden sich manchmal Gedanken oder Reflexionen der Autorin, denn auch sie ist ein Teil dieser intimen Beziehung. Viele dieser Reflexionen haben sie zu der Pflegefachfrau gemacht, die sie ist, und die auch solche Gespräche mit den Betroffenen führt. Vielleicht helfen sie auch den Leserinnen und Lesern ein wenig zu verstehen, mit welchen Fragen sich Betreuende, Sterbende und Angehörige beschäftigen. Es ist ihr aber ein Anliegen, dass die Menschen, deren Geschichten sie erzählt, im Mittelpunkt bleiben.

Evi Ketterer: Geschichten intimer Beziehungen. Sterbebetreuung einmal anders erzählt. 2016, Tredition.176 Seiten. ISBN: 978-3-7345-3281-8

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