Der erste Advent ohne ihn

Christine Zysset hat in diesem Jahr ihren Mann verloren. Er starb an einer schweren Nervenkrankheit. Auch wenn die Witwe viel Lebensfreude zeigt, ist die Zeit vor Weihnachten nicht einfach für sie.

An der Haustür hängt ein Kranz aus Tannenästen. In der geräumigen hellen Wohnung im ersten Stock ist an diesem letzten Novembertag noch keine Weihnachtsdekoration auszumachen. «Das ist ein wunder Punkt.» Christine Zysset möchte nicht vor der Videokamera über die Adventszeit sprechen. Bei dem Gedanken, dass sie diese Zeit früher mit ihrem Mann zusammen genossen hat, treten ihr die Tränen in die Augen. «Es sind die kleinen Dinge, die mich an ihn erinnern: Advent, Weihnachten, das Kochen. Wir haben viel zusammen gekocht.»

Roland Zysset ist am 13. Februar 2016 gestorben. Der 60-Jährige litt an ALS. Das ist die Abkürzung für Amyotrophe Lateralsklerose. Bei dieser Erkrankung des Nervensystems verlieren die Betroffenen nach und nach an Muskelsubstanz. «Es ist die Krankheit der Tausend Abschiede», sagt die Witwe. Ihr Mann habe zuerst die Sprache, dann das Schluckvermögen, die Mobilität und das selbstständige Atmen verloren. Fast sechs Jahre vergingen von der Diagnose bis zu seinem Tod. «Trotz Magensonde und Atemgerät führte er ein normales Leben.»

«Ich wusste nicht, dass auch Schwerkranke zu Hause sterben können»

Erst einige Monate vor seinem Tod brauchte Roland Zysset Rund-um-die-Uhr-Betreuung. Die lokale Spitex und eine Privatpflegerin kümmerten sich um ihn, wenn Christine Zysset arbeitete. Ihr 70-Prozent-Pensum gab die Primarlehrerin nämlich nie auf. Sie habe morgens immer sehr früh mit der Vorbereitung des Unterrichts begonnen, damit sie ab Nachmittag die Betreuung ihres Mannes übernehmen konnte. An den Wochenenden und in den Nächten war sie ebenfalls am Zug. Obwohl sie sich manchmal zur Erholung ausklinkte und auch alleine in die Ferien fuhr – dann waren Rolf Zyssets Töchter aus erster Ehe da –, sei sie bis zum Schluss «ziemlich erschöpft» gewesen. Sie habe nur noch wenig geschlafen.

Eine Woche vor dem Tod wurde Onko Plus in den Fall involviert. In der ALS-Klinik wurden Roland und Christine Zysset darauf hingewiesen, dass es mobile Palliative-Care-Teams gebe. Sie selber habe nicht gewusst, dass auch Schwerkranke zu Hause sterben könnten, sagte Christine Zysset in einem im letzten März ausgestrahlten Beitrag von Tele Züri. Onko Plus habe sehr unkompliziert reagiert und sei sofort für sie dagewesen. Zu Onko-Plus-Mitarbeiter Olaf Schulz konnte sie ein Vertrauensverhältnis aufbauen. «Ich schätze sehr, dass fast immer dieselbe Person gekommen ist.» Auch wenn sie wisse, dass dies nicht selbstverständlich sei.

Wenn sie in der Nacht nicht wusste, wie sie reagieren soll, habe sie immer jemand Kompetenten am Telefon gehabt, der ihr etwa die Handhabung der Schmerzpumpe oder das Aufziehen einer Ampulle erklärte. «Ich hätte nie gedacht, dass ich das kann.»

«Er war immer sehr positiv»

Ihr Mann wollte – wenn immer möglich – zu Hause bleiben, auch wenn es ihm schlecht ging. Hier, in der geräumigen Wohnung hinter dem Richterswiler Friedhof, die seine Frau und er erst vor ein paar Jahren gekauft hatten, konnte er trotz Krankheit lange autonom leben, mit Hilfsmitteln wie Sprachcomputer, Rollator, Atemgerät und am Schluss noch einer Schmerzpumpe. Er habe immer gesagt, es gehe ihm gut. «Er war stets sehr positiv.»

Nach dem Tod ihres Mannes lebte Christine Zysset auf: «Ich spürte einen starken Lebenswillen, ging aus, machte Kurse und traf viele Menschen.» Ins Loch gefallen sei sie erst ein paar Monate später. Heute gehe es ihr gut. «Ihre Kinder» gäben ihr viel Halt, sagt die Primarlehrerin, die nächstes Jahr 64 Jahre alt wird. Sie wird sicher noch drei Jahre weiterarbeiten. Im Klassenzimmer hat im Übrigen der Advent Einzug gehalten. In Zyssets Wohnung kommt er vielleicht auch noch an.

2018-02-12T20:23:49+00:00 09.12.16|