Die Freiwillige mit dem Hund

Kürzlich bekamen Daniela Caduff und ihre Hündin Fiona Post von ihrer jungen Freundin. Darauf stand: «Vür Daniela und Fiona: Mini besti Kolegine»

Häufig gehören Freiwillige zum Betreuungsnetz, das sich um einen Schwerkranken spannt. Welchen positiven Effekt diese Besuche auf eine ganze Familie haben können, zeigt die Geschichte von Daniela Caduff, ihrem Hund und einem 10-jährigen Mädchen.

Seit 15 Jahren ist Daniela Caduff für den Verein Wachen und Begleiten (wabe) Limmattal im Einsatz. Die Freiwilligen-Organisation wacht, begleitet, entlastet und berät Menschen und ihre Familien in den letzten oder in schweren Stunden des Lebens.

Daniela Caduff ist privilegiert. Die 54-Jährige wohnt mit ihrem Mann und dem erwachsenen Sohn in einem grossen Haus an guter Lage. Die Tochter ist bereits ausgezogen. Die ehemalige Anästhesie-Schwester spielt in einem Symphonieorchester Querflöte. Eine Stunde pro Tag muss sie dafür üben. Den Rest der Zeit engagiert sie sich ehrenamtlich bei wabe, sie leitet im Wechsel mit drei anderen ein Projekt für Menschen mit Demenz, und sie besucht kranke Menschen daheim oder in einer Institution. Ausserdem ist sie häufig mit ihrem Hund unterwegs.

Gutmütiger Vierbeiner

Der Vierbeiner spielt eine der Hauptrollen in dieser Geschichte. Es ist eine 4-jährige Elo-Hündin namens Fiona. Die gutmütige Rasse wird andernorts auch als Therapiehund eingesetzt, etwa bei Parkinson- oder Multiple-Sklerose-Patienten.

Seit Anfang dieses Jahres besucht Daniela Caduff eine Familie im Limmattal: Der Vater, ein Mann in den Fünfzigern, ist an der schweren Nervenkrankheit ALS erkrankt. Die Amyotrophe Lateralsklerose schreitet rasch voran und setzt nach und nach das gesamte zentrale und periphere Nervensystem ausser Kraft. Von der Krankheit betroffene Menschen verlieren fortlaufend an Muskelsubstanz, an Armen und Beinen, am Sprech-, Kau- und Schluckapparat.

Der ALS-Patient wird von der lokalen Spitex sowie von Onko Plus betreut. Der Patient sitzt im Rollstuhl, kann nicht mehr sprechen, sich immer schlechter bewegen und mitteilen. Caduff erlebte als Freiwillige die rasche Verschlechterung mit. Als sie mit ihren Besuchen anfing, konnte der Mann noch schriftlich mit Hilfe eines Tablets kommunizieren. Heute kann er  sich nur noch mimisch, mit Kopfbewegungen oder Gesten, die er mit einer Hand machen kann, mitteilen: Daumen nach oben, Daumen nach unten. «Man muss einen Fragenkatalog bereit haben, um zu verstehen, was er braucht», sagt Caduff. Ausserdem könne er kaum mehr schlucken und seinen Kopf aufrecht halten.

«Sagen wir Ja zu einem Einsatz, bringen wir vor allem viel Zeit mit. Ich habe keine Berührungsängste und bin flexibel.»

Viele Bekannte hätten sich von der Familie, die sehr gastfreundlich und offen ist, zurückgezogen. Weil sie ihre Wurzeln im Ausland hat, sind keine weiteren Verwandten in der Schweiz. Es gibt also keine weiteren Familienmitglieder oder Freunde, welche die Ehefrau ab und an entlasten könnten. Deshalb sind Daniela Caduff und eine Kollegin von wabe nun jeden Montag ein paar Stunden bei der Familie im Einsatz. In erster Linie geht es darum, den Mann zu betreuen, während die Frau das Treppenhaus der Liegenschaft putzt. Bald nutzte die Frau aber Caduffs Anwesenheit, um ihre eigenen Sorgen zu teilen. Die Ehepartnerin schaut rund um die Uhr auf ihren Mann, in der Nacht reagiert sie auf die kleinste seiner Regungen. Erholen kann sie sich kaum, aber sie will die Betreuung nicht abgeben – auch nicht vorübergehend.

Caduff sagt: «Sagen wir Ja zu einem Einsatz, bringen wir vor allem viel Zeit mit. Ich habe keine Berührungsängste und bin flexibel.»

Der ALS-Patient und seine Frau haben drei erwachsene Kinder – die den Eltern auch zur Hand gehen, aber eher abends, weil sie tagsüber arbeiten – und eine Nachzüglerin: ein 10-jähriges Mädchen. Es hängt sehr an seinen Eltern und leidet ganz offensichtlich mit. In der Schule werde es gemobbt, erzählte die Mutter Caduff. Das Mädchen verkrieche sich häufig in ihrem Zimmer, stellte die Freiwillige selbst fest.

«Während sie sonst häufig das Verhalten eines Kleinkindes zeigt, scheint sie mit dem Hund zu reifen. Sie übernimmt Verantwortung und arbeitet richtig mit ihm.»

Der ALS-Patient geht trotz seines kritischen Zustands immer noch gerne an die frische Luft. Seine Frau dreht oft mit ihm im Rollstuhl eine Runde im Dorf. Daniela Caduff bot an, den Patienten auch einmal zu einem Spaziergang abzuholen, sie geht ja mehrmals pro Tag mit ihrem Hund raus. Den Hund in die Wohnung des Kranken mitnehmen will sie aus hygienischen Gründen nicht und um sich voll auf den Patienten einlassen zu können.

So kam es, dass die ganze Familie, Daniela Caduff und ihre Hündin Fiona eines Tages draussen unterwegs waren. Für das 10-jährige Mädchen und der Hund war es Liebe auf den ersten Blick. Während die Freiwillige mit der Ehefrau Kaffee trank, blieb die Schülerin eine halbe Stunde mit dem Hund draussen. Caduff attestiert ihr ein echtes Geschick im Umgang mit dem Tier. «Während sie sonst häufig das Verhalten eines Kleinkindes zeigt, scheint sie mit dem Hund zu reifen. Sie übernimmt Verantwortung und arbeitet richtig mit ihm.»

Kein Schattenkind mehr, sondern das Mädchen mit dem Hund

Seither begleitet das Mädchen Daniela Caduff gerne auf ihren Hundespaziergängen. Verspürt es Lust dazu, schreibt es ihr eine SMS. Die Freiwillige holte es mit dem Hund auch schon nach der Schule ab. Total stolz sei die Kleine gewesen, erzählt Caduff. Ihre Schulkameraden hätten das Mädchen und Hund Fiona umringt und viele Fragen gestellt. Auf einmal war die Tochter des Kranken kein «Schattenkind» mehr – so nennt man eigentlich die Geschwister eines kranken Kindes –, sondern das Mädchen mit dem Hund. Seither habe sie mehr Kontakte in der Klasse und gehe auch mal zu jemandem spielen, erzählte die Mutter der Freiwilligen. Dank Fiona blühte das Mädchen richtig auf.

Caduffs Engagement bei wabe Limmattal begann vor 15 Jahren und hat viel mit ihrem Vater zu tun. Dieser leitete einerseits einst ein Alters- und Pflegeheim. Er nahm sich viel Zeit für die Bewohnenden, gerade auch für jene, die sich am Lebensende befanden. «Wir vier Kinder bekamen viel mit vom Sterben, zum Beispiel auch wie wichtig das Reden darüber sein kann.» Der Vater weckte also ihr Interesse an Palliative Care. Ihre Schwester wurde wie sie Krankenschwester.

«Das war genau das, was ich gesucht hatte. Ich konnte meine Berufskenntnisse als Pflegefachfrau einbringen und mich trotzdem selbstständig einteilen.»

Andererseits lag ihr Vater, schon seit Jahren Herzpatient, am Ende seines Lebens im Spital. Die Familie wechselte sich am Sterbebett ab, auch in der Nacht. Da sie aber zwei Nächte nicht selbst abdecken konnten, kam eine ehrenamtliche Nachtwache zum Einsatz. Daniela Caduff war begeistert von diesem Angebot. «Das war genau das, was ich gesucht hatte. Ich konnte meine Berufskenntnisse einbringen und mich trotzdem selbstständig einteilen.» Zufälligerweise sah sie eine Woche später ein Inserat von wabe Limmattal in der Zeitung, der kurz zuvor gegründete Verein suchte Freiwillige.

Zirka zehn Jahre lang machte Caduff Bedarfsabklärungen, besuchte also Patientinnen und Patienten in ihrem privaten Umfeld, um herauszufinden, was diese brauchen und Einsätze von anderen Freiwilligen zu planen. Gleichzeitig besuchte sie selbst, kranke, sterbende oder alte Menschen. Seit fünf Jahren konzentriert sie sich auf diese Besuche – zum Beispiel bei besagter Familie.

Caduffs Anwesenheit tut also allen gut: dem kranken Ehemann, dem sie viel Geduld entgegen bringt. «Es ist manchmal schon schwierig herauszufinden, was er benötigt. Ich lache ihn dann aber an und sage, ich fände schon noch heraus, was er meint.» Für die Ehefrau hat sie ebenfalls ein offenes Ohr. Nicht zuletzt profitiert das Kind, die Nachzüglerin, von der neuen, neutralen Bezugsperson, mit der sie auf den Spaziergängen auch über ihre Ängste und Sorgen sprechen kann.

Kürzlich fand Caduff ein Couvert in ihrem Briefkasten, darin Zeichnungen und ein kleines Geschenk, auf dem Umschlag stand: «Vür Daniela und Fiona: Mini besti Kolegine».

2018-04-22T22:10:29+00:00 12.04.18|