Ein Tag im Leben einer Onko-Plus-Pflegenden

Onko-Plus-Pflegefachfrau Lea Furrer füllt im Oerliker Büro ihre Tasche mit Medikamenten auf (Bild: sa).

Während andere noch Weihnachtsgeschenke besorgen oder schon das Festtagsmenü kochen, ist Onko-Plus-Pflegefachfrau Lea Furrer zu Besuch bei Patientinnen und Patienten. Protokoll einer 24-Stunden-Schicht von Onko Plus während der Feiertage.

13 Uhr

Lea Furrer beginnt ihren Spätdienst zwei Stunden früher als sonst, um an der Supervision teilzunehmen. Für das Onko-Plus-Pflegeteam ist das monatlich stattfindende Gruppengespräch mit einer Psychologin Pflicht.

15 Uhr

Die Pflegefachfrau übernimmt das Pikett-Handy und beginnt ihren Spätdienst. Bevor eine Pflegende bei Onko Plus den Pikett-Dienst antritt, wird sie von ihrer Vorgängerin über die «heissen Eisen» informiert.

Noch in der Migros liest sich Furrer per Smartphone in die Patientenakte ein und verschafft sich einen Überblick über den Fall.

Furrers einziger fix eingeplanter Termin an diesem Nachmittag ist ein Erstgespräch in einer Zürichsee-Gemeinde. Dieses beinhaltet vor allem, herauszufinden, was Patient und seine Familie brauchen, und ihnen die Leistungen von Onko Plus vorzustellen. Die Patienten sollen wissen, dass das Onko-Plus-Team auf der Pikettnummer rund um die Uhr erreichbar ist. Ausserdem ist es für die Pflegefachfrau wichtig, sich auf den aktuellsten Stand der medizinischen Behandlung zu bringen: Welche Therapien stehen noch an? Welche Medikamente nimmt der Patient ein oder hat er in Reserve? Dann bespricht sie mit Patient und seiner Familie das weitere Vorgehen: Soll Onko Plus einmal pro Woche vorbeikommen, oder genügt, wenn die Stiftung im Hintergrund bleibt? Viele Patienten und ihre Angehörigen organisieren sich recht gut und wollen nicht zu viele Leute im Haus haben.

In einem zweiten Schritt wird Furrer in Absprache mit dem Hausarzt einen Notfallplan erarbeiten und dafür sorgen, dass alle notwendigen Medikamente vor Ort sind. Um den Notfallplan zu besprechen geht sie zu einem späteren Zeitpunkt ein weiteres Mal vorbei.

Nach dem Gespräch, das eine gute Stunde dauert, gerät Lea Furrer in den Feierabendverkehr. Für die Fahrt nach Hause – sie wohnt im Raum Winterthur – benötigt sie eine Stunde und 15 Minuten. Während sie ihr Nachtessen einkauft, klingelt das Pikett-Handy. Ein Patient ist verunsichert, welches Medikament er gegen Schmerzen nehmen soll. Zwar hatte eine andere Mitarbeiterin von Onko Plus die Medikamente geordnet und die die Einnahme mit dem Patienten besprochen. Nun habe aber der Hausarzt «dazwischengefunkt» und den Patienten verwirrt. Noch in der Migros liest sich Furrer per Smartphone in die Patientenakte ein und verschafft sich einen Überblick über den Fall. Da beim Patienten die lokale Spitex vor Ort ist, kann sie diese Kollegin übers Telefon coachen. Am Schluss sind alle beruhigt. Furrer kauft weiter ein.

Trotzdem geht sie nicht früh zu Bett. Denn sie fürchtet, dass sie wieder raus muss, «kaum steige ich in die Pijamahosen».

18 Uhr

Lea Furrer bereitet ihr Nachtessen zu, isst und macht sich an die Büroarbeit. Einerseits muss sie das Gespräch vom Nachmittag protokollieren. Andererseits organisiert sie für einen anderen Patienten künstliche Nahrung. Die Abende, an denen sie Pikettdienst hat, hält sie sich in der Regel frei. Trotzdem geht sie nicht früh zu Bett. Denn sie fürchtet, dass sie wieder raus muss, «kaum steige ich in die Pijamahosen».

22 Uhr

Furrer packt die letzten Weihnachtsgeschenke ein. Das Piketthandy klingelt. Die Frage dreht sich um ein Schlafmittel, wie man es verabreicht und ob es das richtige ist. Es ist deshalb wichtig, dass Notfallplan und Medikamentenliste immer aktuell im System stehen.

Um Mitternacht geht Furrer zu Bett. Die Nacht bleibt ruhig.

8 Uhr

Das Pikett-Telefon klingelt zum ersten Mal. Es ist eine Kollegin von Onko Plus, die wegen eines Patienten, den sie bald besuchen wird, eine Frage hat. Als Lea Furrer bereits wieder mit dem Dienstwagen Richtung unterer Zürichsee fährt, meldet sich die Ernährungsberaterin, mit der sie einen Tag zuvor schon Kontakt hatte. Furrer spricht über die Freisprechanlage und schildert ihr Anliegen. Sie will von der Beraterin wissen, welchen Kalorienbedarf ihr Patient hat, welches Präparat sich eignen würde und wie lange man die parenterale Ernährung anhängen müsste.

9.30 Uhr

Die Patientin ist erstaunt, als Furrer vor ihrer Wohnungstür steht. Zwei lebhafte Hunde springen den beiden um die Beine. Die 65-Jährige, die an einem Speiseröhrenkrebs leidet, hat den Besuch offensichtlich nicht erwartet. Noch im Schlafanzug, bittet sie die Pflegefachfrau herein. Die Onko-Plus-Mitarbeiterin soll einen Verbandswechsel vornehmen. Die Patientin hat eine sogenannte Picc Line – einen intravenösen Zugang, über den sie ebenfalls künstliche Nahrung erhalten könnte. Die Frau geht mit schnellen Schritten in der Wohnung herum, wirkt rüstig. Nur ihr pfeifender Atem zeugt von ihrer schweren Krankheit. Auch ihre Verwirrtheit könnte damit zusammenhängen. Sie kann sich partout nicht daran erinnern, wo das Verbandsmaterial gelagert ist. Sie erinnert sich nicht einmal mehr, dass es geliefert wurde. Furrer findet die Kartonkiste im Bad und wechselt mit sanften und gezielten Bewegungen den Verband. Später misst sie Blutdruck der Patientin und ihre Sauerstoffsättigung und tastet ihren Bauch ab. Alles ist in Ordnung. Die gehetzt wirkende Patientin ist offensichtlich froh, als Furrer wieder geht.

Erst kürzlich hätten sie die niederschmetternde Meldung erhalten: Erneut seien Metastasen aufgetaucht.

10.30 Uhr

Der nächste Termin steht im Sihltal an. Hier stellt Lea Furrer wiederum in einem Erstgespräch einem Ehepaar die Leistungen vor, die Onko Plus erbringt. Der 70-jährige Patient wirkt angesichts seiner schweren Krebserkrankung unglaublich fit, ist auf den Beinen, obwohl er kürzlich eine massive Bauchoperation hatte. Seine Frau bricht immer wieder in Tränen aus, als sie erzählt, sie seien so hoffnungsvoll gewesen, weil der Krebs bekämpft schien. Erst kürzlich hätten sie die niederschmetternde Meldung erhalten: Erneut seien Metastasen aufgetaucht. Zudem führten die Narben der Operation zu Komplikationen. Die lokale Spitex kommt täglich vorbei und kümmert sich um die Wundpflege.

In der Ecke des Wohnzimmers steht ein hübsch geschmückter Christbaum. Der Patient ist froh, dass er an Weihnachten zu Hause sein kann. Die Ehefrau erzählt, sie habe den Baum kurzfristig organisieren müssen, weil sehr lange unklar war, ob ihr Mann das Spital verlassen könne. Jetzt freuen sie sich, dass sie Weihnachten zusammen mit ihren Kindern und den Enkeln verbringen können.

Lea Furrer vereinbart mit ihnen, dass sich Onko Plus im neuen Jahr bei ihnen meldet, um nachzufragen, wie es dem Patienten geht und ob sie einen Besuch wünschten.

«Wir sind selten so pünktlich unterwegs, haben selten Zeit für einen Kaffee zwischendurch.»

11.45 Uhr

Da die Onko-Plus-Mitarbeiterin den nächsten Einsatz in der gleichen Gemeinde hat, liegt sogar eine kurze Kaffeepause drin. «Wir sind selten so pünktlich unterwegs», bemerkt Furrer. Häufig verzögern Notfälle oder unvorhergesehene Ereignisse den Einsatzplan.

12.15 Uhr

Die Patientin und ihr Mann erwarten Furrer bereits. Die Frau leidet an Gebärmutterkrebs und hatte vor einigen Wochen die letzte Chemotherapie, die sie sehr geschwächt hat. Furrer gibt der Patientin zu bedenken, dass die Nebenwirkungen der Chemo manchmal monatelang anhalten könnten. Sie müsse geduldig sein. Der Schlussbefund fiel jedoch optimal aus: Die Metastasenbildung scheint gestoppt. Schwäche und Appetitlosigkeit nehmen ebenfalls ab. Sie möge nun wieder täglich einen kurzen Spaziergang unternehmen und eine halbe Portion essen, erzählt die Patientin. Furrer freut sich mit ihr.

Für das Paar, das sozial eher isoliert lebt, sind die wöchentlichen Besuche der Onko-Plus-Pflegenden ein wichtiger Bestandteil der Woche. Es lässt sich dennoch davon überzeugen, dass nächstes Mal ein Anruf genügen könnte. Jetzt, wo es besser geht.

14 Uhr

Lea Furrer ist zurück im Büro von Onko Plus in Zürich-Oerlikon. Sie instruiert die Kollegin, die das Pikett übernimmt, über die Fälle, die zu tun geben könnten. Sie stellt die Medikamente zurück, füllt ihre Tasche auf und aktualisiert die Verlaufsberichte derjenigen Patientinnen und Patienten, die sie besucht hat. Dann macht sie sich auf den Heimweg, zufrieden mit dem eher ruhigen Tag. Am Abend wird sie ein erstes Mal Weihnachten feiern. Mit Käsefondue.

2018-02-12T20:25:37+00:00 03.01.17|