Fachmann für Lebensqualität

Olaf Schulz hat in der Palliative Care seine berufliche Heimat gefunden, in der Stadt Luzern seine private. Die Schicksale der Patientinnen und Patienten, die er für Onko Plus im Knonaueramt betreut, gehen ihm nahe und machen ihn dankbar für sein persönliches Glück.

«Wie lange lebe ich noch? », möchte Markus von der Crone zum wiederholten Male von Olaf Schulz wissen. Der Palliativpflegefachmann, der seit dreieinhalb Jahren für Onko Plus arbeitet, sagt grinsend, das sei die einzige Frage, die er – leider – nicht beantworten könne. Manchmal zücke er auch spasseshalber sein Handy und sage: «Warten Sie, ich schaue schnell nach…» Solche Scherze kann er sich nicht bei allen Patientinnen und Patienten erlauben. Er weiss jedoch genau, wer solche Sprüche verträgt und wer nicht.

Der 48-Jährige deckt für den mobilen spezialisierten Palliativ- und Onkologiepflegedienst Onko Plus das Knonaueramt ab. Das heisst, dass er mindestens die Hälfte seines 80-Prozent-Pensums im Bezirk Affoltern leistet. Das grüne Tal am südwestlichen Zipfel des Kantons kennt er inzwischen so gut wie seine Westentasche. Schulz hat einen Büroplatz im Obfeldner Spitex-Stützpunkt und beginnt seine Einsätze meistens dort, nicht ohne sich zuvor mit der Spitex-Leiterin auszutauschen. Als Pionier führte er für Onko Plus die erste Regionalisierung durch. Das heisst, dass der spezialisierte Palliative-Spitex in die Regionen geht. Durch die Nähe zu den lokalen Grundversorgern wie eben den örtlichen Spitexdiensten, den Hausärztinnen und -ärzten sowie den Regionalspitälern soll die Behandlung und Betreuung der Patientinnen und Patienten enger und deshalb noch besser werden.

«Er kennt die Wirksamkeit von Medikamenten genau, und mit ihm kann ich auch psychologische Fragen ansprechen.»
Markus von der Crone, Onko-Plus-Patient

Schulz tritt immer souverän auf, trägt meist Hemd oder Poloshirt und gepflegte Halbschuhe. An diesem heissen Morgen auf Markus von der Crones Terrasse sind es zwar Sandalen, dennoch hat er auch jetzt etwas Professionelles an sich. Der Patient sagt, er schätze Schulz‘ spezialisiertes Wissen. «Er kennt die Wirksamkeit von Medikamenten genau, und mit ihm kann auch psychologische Fragen ansprechen. Da ich fast ausschliesslich mit ihm zu tun habe, ist inzwischen eine Vertrauensbasis entstanden.»

Von der Crone hat Bauchspeicheldrüsenkrebs. Er ist zwar abgemagert, wirkt aber ziemlich agil. Seine blauen Augen leuchten, er sitzt ganz vorne auf der Stuhlkante, als würde er gleich aufspringen. Diese Kraft hat er nicht mehr. Die meiste Zeit verbringt er auf der Terrasse, hört über Kopfhörer klassische Musik und blickt Richtung Pilatus. «Das geniesst er auch und dass muss ich ihm manchmal wieder vor Augen führen, wenn er ungeduldig ist», sagt Schulz später im Auto. Seine wöchentlichen Besuche bringen Ruhe in die Pflegesituation zu Hause. Nicht zuletzt bieten sie auch von der Crones Frau Sicherheit, die ihren Mann alleine betreut. Schulz erfragt nämlich bei jedem Besuch ebenfalls, wie es um ihre Kräfte steht. Wenn ihre Beanspruchung zu gross würde, könnte er ein kurz- oder ein mittelfristiges Szenario abrufen. Kurzfristig könnte der Patient zur Stabilisierung der Situation in die Palliativstation des Spitals Affoltern, «Villa» genannt, eintreten. Mittelfristig könnte die Spitex oder ein anderer Dienst die Ehefrau kontinuierlich entlasten.

«In der ambulanten Arbeit bin ich emotional stärker involviert, weil ich die Patientinnen und Patienten bei ihnen zu Hause und über einen längeren Zeitraum begleite.»
Olaf Schulz

 Olaf Schulz arbeitete vor seinem Engagement bei Onko Plus zwei Jahre in der «Villa», zuvor war er mehr als zehn Jahre im Luzerner Kantonsspital tätig. Einerseits habe er in der stationären Arbeit mehr Patientinnen und Patienten häufiger terminal begleitet, sagt er, emotional sei er jedoch oft weniger involviert gewesen. Das hat damit zu tun, dass Schulz seine Klientel bei Onko Plus über einen längeren Zeitraum, in ihrem eigenen Zuhause kennenlernt. «Was mein Gegenüber zudem mitteilt, ist nicht forciert, sondern freiwillig erzählt.» Schulz kann ihm Zeit lassen. Schwierige Fragen können auch in mehreren Besuchen thematisiert werden, häppchenweise.

100 Stunden die Woche

Schulz wuchs am Stadtrand von Ostberlin auf. Als die Mauer fiel, war er 19 Jahre alt und von Beruf «Fliesenleger», auf gut Schweizerhochdeutsch also Plättlileger. Weil er den Militärdienst verweigerte, musste er in einem Altenheim Zivildienst leisten. «Dort merkte ich, dass ich Menschen spannender finde als Plättli.» Schulz grinst. Der Spruch ist typisch für ihn, er ist schlagfertig und hat einen trockenen Humor. Mit 26 Jahren begann er eine Ausbildung zum Krankenpfleger. Nebenher verdiente er sein Geld auf dem Bau. In der Freizeit renovierte er zusammen mit Freunden ein Haus im Prenzlauer Berg, das sie heute noch besitzen. Im Durchschnitt brachte er es so auf ein Arbeitsvolumen von 100 Stunden die Woche. «Das war nicht gesund.»

«Gerettet» hat ihn eine Schweizerin. Schulz lernte sie auf einer Feier bei Freunden kennen und zog vor zwanzig Jahren wegen ihr in die Schweiz. Ihre Kinder waren damals drei und neun Jahre alt. Heute spricht er nur noch von «meinen und unseren Kindern». Seine Persönlichkeit sei nicht zuletzt dank ihnen gereift. Sein Leben hatte plötzlich einen anderen Inhalt und war von «Familiengroove» geprägt.

Fragen, die sonst keiner stellt

Nach seinem Umzug in die Schweiz, fand er auch zu seiner heutigen beruflichen Heimat. Er arbeitete im Kantonsspital Luzern auf der medizinischen Onkologie. «Die Palliative Care steckte damals in der Zentralschweiz noch in den Kinderschuhen.» Schulz war dabei, als diese Fachrichtung im Spital Einzug hielt und er half mit, den palliativen Brückendienst Luzern aufzubauen.

An der Palliativpflege gefällt ihm, dass sie Fragen beantwortet, die sonst in der Medizin kaum gestellt werden wie Will man unnötiges Leiden am Lebensende in Kauf nehmen? Sind Therapien bis ganz zum Schluss sinnvoll? Ihm gefällt der andere, ganzheitliche Umgang mit den Patientinnen und Patienten und das Setzen anderer Schwerpunkte, zum Beispiel auf Lebensqualität.

Zwar hat Schulz zahlreiche Weiterbildungen zum Thema absolviert, aber «nichts Vorzeigbares», wie er sagt. Zähneknirschend nahm er deshalb kürzlich doch noch ein Master-Studium in Palliative Care in Angriff. Wie es seine Art ist, geht er auch dieses zielstrebig an. Nachdem ihm einige Module wegen seiner Erfahrung erlassen wurden, nimmt er im Herbst bereits das Abschlussmodul in Angriff.

Nach dem Mittag trifft der Onko-Plus-Mitarbeiter in einem Bauernaus mit Sichtbalken, offenem Kamin und viel Charme am Fuss des Üetlibergs ein. Ein Sohn, selbst bereits in den Sechzigern, hat seinen über 90-Jährigen Vater zu sich nach Hause genommen, damit dieser dort sterben kann. Der hochbetagte Patient leidet an einer Herzinsuffizienz, ist nicht mehr ansprechbar und liegt röchelnd im Pflegebett. Noch vom Spital ist ihm eine Infusion angehängt. Schulz fragt nach, weshalb ihm denn Flüssigkeit verabreicht werde und stoppt diese schliesslich. Später am Esstisch erklärt er dem Sohn und der Schwiegertochter, dass man auf Durstgefühle besser mit einem Mundspray oder dem Befeuchten der Lippen reagiere. Verabreiche man einem Sterbenden intravenös Flüssigkeit, helfe diese nicht gegen den Durst, könne sich aber in der Lunge sammeln und erschwere schlimmstenfalls das Atmen.

«Ich habe keinen Minderwertigkeitskomplex, prangere vielmehr Denkfaulheit und eine minimalistische Haltung unter Pflegenden an.»
Olaf Schulz

Trifft Schulz ein, wird er häufig für den «Doktor» gehalten. Das liegt nicht nur daran, dass er vielerorts der einzige Mann ist, sondern auch an seiner Selbstsicherheit und seiner Kompetenz. Er sagt, er korrigiere den Irrtum immer gleich, der Pflegefachmann leidet unter keinem Minderwertigkeitskomplex. Gleichzeitig prangert er Denkfaulheit und eine minimalistische Haltung an, die laut ihm unter Pflegefachpersonen verbreitet sei. Habe er mit Hausärzten zu tun, liefere er ihnen stets konkrete Vorschläge und Argumente. Zu sagen, «ich habe das Gefühl, dass …», sei bei einem Arzt sicher nicht das richtige Vorgehen.

Schulz gibt sich Patienten und Angehörigen gegenüber bewusst sachlich. «Die Palliative Care zieht viele gspürige Menschen an, die überhaupt nichts spüren. Das finde ich gefährlich.» Trotz nüchterner Art ist Schulz sensibel, und es können ihm in einem traurigen Moment auch einmal Tränen in die Augen treten. Die Anteilnahme laufe aber gewöhnlich aber nonverbal ab. «Meine Anteilnahme wird schon wahrgenommen, da bin ich mir sicher.»

Im Kreis der Familie

Nach dem Besuch im urchigen Bauernhaus sagt Schulz, sei von seiner Seite keine Hyperaktivität nötig. Der Sterbeprozess sei bei diesem Mann schon relativ weit fortgeschritten, und er werde gut umsorgt. Einerseits von seinem Sohn und dessen Partnerin, die beide Erfahrung in der Betreuung von Sterbenden mitbringen. Andererseits besucht ihn die Spitex drei Mal pro Tag. Noch am gleichen Tag, etwa eine Stunde nach dem letzten Besuch der Spitex, stirbt der Mann, friedlich, im Kreis der Familie.

Olaf Schulz sitzt jetzt am Türlersee und lässt die Beine ins Wasser baumeln. Sein eigenes Leben habe sich geändert, seit der in der Palliative Care tätig sei, sagt er. Lebensqualität bedeute für ihn, mit seiner Frau, seiner Familie zusammen zu sein. Es bedeute für ihn, Zeit für sich zu haben, zum Radfahren oder Wandern in der Natur. Neben diesem aktiven Erholen habe er auch gelernt, bewusster wahrzunehmen, was ihm vergönnt sei: «Ich habe eine Familie, ich bin nicht krank, ich habe keine finanziellen Sorgen. Das ist alles unschätzbar wertvoll.»

2018-08-02T10:45:46+00:00 27.07.18|