Kleine Wochenend-Fusionen

Die beiden spezialisierten Palliative-Care-Teams trafen sich in Wetzikon zum Gedankenaustausch. Von links: Andreas Weber, Irene Ooms-Adams, Nicole Tanner, Claudia Erne, Marianne Unger, Charlotte Christen-Tunstall, Nadja Durrer, Eveline Häberli und Nicole Rieser.

Seit Februar wechseln sich das mobile Palliative-Care-Team der Gesundheitsversorgung Zürcher Oberland (GZO) und Onko Plus im Wochenend-Pikett ab. Kürzlich trafen sich die beiden Teams zur Fallbesprechung.

Die Tochter eines Patienten ruft mitten in der Samstagnacht auf das Pikett-Handy an. Die Palliativpflegefachfrau, die das Gespräch entgegennimmt, kennt den Fall nicht, hat möglicherweise noch nie von diesem Patienten gehört. Innert kürzester Zeit muss sie sich ein Bild der Situation verschaffen, die Patientenakte einsehen – notabene in einer Datenbank, die ihr nicht geläufig ist –, entscheiden, ob sie persönlich vorbeigeht. Im ungünstigsten Fall muss sie dazu zuerst quer durch den ganzen Kanton Zürich fahren. Wenns ganz schlecht kommt, tobt draussen grad ein Wintersturm.

Onko Plus, die Stiftung für mobile Palliativ- und Onkologiepflege, und das Palliative-Care-Team der Gesundheitsversorgung Zürcher Oberland (GZO) wechseln sich seit Februar 2016 beim Wochenend-Pikett ab. Das heisst, dass die Patientinnen und Patienten beider Teams bei einem Notfall am Wochenende alternierend eine Mitarbeiterin aus dem Oberland und das nächste Wochenende eine von Onko Plus anrufen können. Das Wochenend-Pikett dauert 48 Stunden, von Samstag um 8 Uhr bis Montagmorgen um 8 Uhr. Die beiden Teams teilen diese Zeit unterschiedlich unter den Mitarbeitenden auf. Garantiert ist jedoch, dass keine von ihnen länger als 24 Stunden am Stück die Verantwortung trägt.

«Palliative Situationen sind zum Teil hochkomplex und können schnell zum Notfall werden.» Nicole Rieser, Onko Plus

«Es ist eine grosse Herausforderung, bei einem Anruf auf das Pikett-Handy herauszufinden, wie schwerwiegend ein Problem ist und ob man vorbeigehen soll», sagt Claudia Erne, die das GZO-Team leitet. Vor allem, wenn man den Patienten persönlich nicht kenne. Pflegende Angehörige können in einer Situation, in der sie an ihre Grenzen kommen, manchmal nicht klar formulieren, ob sie einen Besuch wünschen oder nicht. Die Lösung, auf die sich das Dutzend Pflegefachfrauen bei einem kürzlichen Treffen einigten, mag banal klingen:

  1. am Telefon Tipps geben, um die ganz aktuelle Krise zu entschärfen
  2. fragen, ob die Familie froh über einen Besuch wäre

«Die neuen Piketts sind spannend und bereichernd, wir erhalten Einblick in die Arbeit eines andern Teams, arbeiten mit Fachpersonen aus einer anderen Region zusammen», sagt Nicole Rieser, Pflegefachfrau bei Onko Plus. Gleichzeitig spüre sie während des Wochenenddiensts auch eine Mehrbelastung. Sie müsse sich anders organisieren, um adäquat und professionell reagieren zu können. «Palliative Situationen sind zum Teil hochkomplex und können schnell zum Notfall werden.» Müsse man sich zusätzlich in ein anderes Computer-System einloggen oder sehr lange Wege fahren – etwa von Wald nach Schlieren –, erhöhe das den Stress zusätzlich.

Claudia Erne sagt, sie habe schon alles gehabt am Wochenende: «Vom 11-Stunden-Arbeitstag bis zu nur zwei Stunden, wo ich mich mehrmals selbst angerufen habe auf der Pikettnummer, um zu sehen, ob das Telefon auch funktioniert.»

Einen Pikettdienst in einem kleinen Team aufrechtzuerhalten, ist arbeitsrechtlich schwierig.» Ilona Schmidt, Onko Plus

Der Grund für die Zusammenarbeit liegt hauptsächlich in der Personalknappheit beider Teams, wobei der Bedarf beim GZO-Team mit 6 Pflegefachfrauen und 240 Stellenprozenten noch etwas dringender war. Bei Onko Plus arbeiten 7 Personen in der Pflege mit 470 Stellenprozenten. «Einen Pikettdienst in einem kleinen Team aufrechtzuerhalten, ist arbeitsrechtlich schwierig», sagt Ilona Schmidt, Geschäftsleiterin von Onko Plus. Es gelte nicht nur, die Wochenendeinsätze pro Person zu beschränken, sondern auch Ruhezeiten einzuhalten. «Deshalb nutzen wir diese Synergien gern.»

Ganz einfach verlief der Start nicht. Die Teams mussten in Arbeitsweise und Kultur der andern eintauchen. Das GZO-Team ist stark ans Spital Wetzikon gebunden und arbeitet eng mit dem Palliativmediziner Andreas Weber zusammen. Die Mitarbeitenden aus dem Oberland sind sich  gewohnt, mit ihm oder anderen Ärztinnen des Spitals Rücksprache zu nehmen. Zudem kann jederzeit auf Material oder Medikamente des Spitals zurückgegriffen werden. Patientinnen und Patienten können diese in einem Notfall dort abholen.

«Ich melde mich am Pikett-Telefon nicht mit GZO, sondern schlicht mit Palliative Care und Onko Plus.» Claudia Erne, GZO

Die Onko-Plus-Mitarbeiterinnen sind auch in stetigem Kontakt mit Monika Jaquenod und Beatrice Schäppi, den beiden Konsiliarärztinnen von Onko Plus, oder den Hausärzten des Patienten. Sie sind sich aber eher gewohnt, «allein im Feld» Entscheidungen zu treffen. Eine Herausforderung stellte auch die Informationsbeschaffung dar. Die beiden Teams arbeiten je mit anderen Datenbanken auf anderen Computer-Systemen. Vom Datenschutz her haben sie sich mit gegenseitigen Verträgen abgesichert, die erlauben, Arbeitsleistungen an Dritte auszulagern. Technisch schafften beide je zwei mobile Computer fürs Wochenend-Pikett des anderen Teams an.

Natürlich sind manche Anrufende verwirrt, wenn sich am Wochenende eine andere Organisation unter der Pikett-Nummer meldet. Sie melde sich am Telefon nicht mit «GZO», sondern neustens mit «Palliative Care und Onko Plus», sagt Claudia Erne. Die Reaktionen seien positiv darauf gewesen. Viele Klienten beklagten sich nämlich ohnehin schon über zu viele Ansprechpersonen. Die Anspannung, die zu Beginn der gemeinsamen Dienste da gewesen sei, habe sich gelegt, sagt Erne. «Wir haben wohl alle die Erfahrung gemacht, dass die Patiententen beider Betriebe die gleichen Probleme haben und die gleichen Massnahmen fordern.»

Unter dem Strich macht die Zusammenarbeit durchaus Sinn, sind sich beide Teamleiterinnen einig. Es müssen nicht mehr zwei speziell für Palliative Care ausgebildete Pflegefachpersonen das Pikett-Telefon hüten und in Notfällen ausrücken. «In diesem Pionierprojekt führen wir jedes Wochenende kleine Fusionen durch und denken über die Grenzen hinaus», sagt Ilona Schmidt. In einer längerfristigen Perspektive sei sogar ein Team für Nachtdienste im ganzen Kanton Zürich denkbar.

2018-02-12T20:24:27+00:00 16.12.16|