«Man kann sich vom Sterben nicht distanzieren»

«Noch immer gilt die Haltung: Ich bin nur gut, wenn ich keine Probleme habe oder nirgends anstehe», Psychologin Sabin Bührer (Bild: zVg).

Die Psychologin Sabin Bührer führt einmal im Monat mit dem Onko-Plus-Team eine Supervision durch. Wozu dieses Gruppengespräch dient und weshalb Palliativpflegefachpersonen einem besonderen Risiko ausgesetzt sind, erklärt sie im Interview.

Wozu braucht Onko Plus regelmässig eine Supervision?

Sabin Bührer: Zuallererst dient die Supervision dazu, die Qualität der Arbeit zu sichern. Sie erlaubt einerseits, Strukturen zu reflektieren, und andererseits, Handlungen eines Teams und eines jeden einzelnen zu überdenken. Sie hilft, sich persönlich, seine eigenen Haltungen und Einstellungen zu reflektieren und zu überprüfen. Dann dient die Supervision auch der Psychohygiene in sozialen Berufen, die einen hohen Belastungsfaktor mit sich bringen. Hier ist sie das Mittel der Stunde.

Strukturen reflektieren. Was soll das heissen?

Zum Beispiel arbeitet eine Spitex wie Onko Plus mit vielen anderen Institutionen zusammen. Der interdisziplinäre Aspekt ist gross, es gibt viele Schnittstellen. Dort muss es überall funktionieren. In der Supervision können Probleme betrachtet werden. Verschiedene Teammitglieder profitieren voneinander: Was machen andere, damit es gut läuft? Können wir unsere Strukturen verbessern, damit es reibungsloser funktioniert?

In Pflegeteams scheint die Überzeugung langsam zu wachsen, dass Supervision auch für sie ein gutes Instrument ist.

Auch Abläufe könne in der Supervision angeschaut werden: Da bei Onko Plus alle Mitarbeitenden alleine unterwegs sind, gibt es nicht so viele Gelegenheiten, bei denen sich die Teammitglieder austauschen können. Vielleicht haben alle mit demselben Thema ein Problem, zum Beispiel mit dem Parkieren an einem bestimmten Ort; auch möglich ist, dass schon lange jemand die Lösung dafür gefunden hat.

Kommt jedes Pflegeteam in den Genuss einer Supervision?

Leider nein. In den letzten acht bis zehn Jahren hat sich zwar viel verbessert, und in Pflegeteams scheint die Überzeugung langsam zu wachsen, dass Supervision auch für sie ein gutes Instrument ist. Vorher herrschte vielerorts die Haltung: Das haben wir nicht nötig und wenn doch, ist es ein Eingeständnis für eigenes Unvermögen oder mangelnde Professionalität. Auf vielen palliativen und onkologischen Stationen finden aber inzwischen regelmässig Supervisionen statt. Aber noch längst nicht überall. In der Psychiatrie hat sich das Instrument schon mehr etabliert. Akutspitäler hinken aber hinterher. In der Langzeitpflege ist es wohl noch prekärer.

Woher rühren die Belastungen in der Palliativpflege?

Das hat gar nicht primär mit den Palliativpatienten zu tun. Der Pflegeberuf an sich bringt viele belastende Situationen mit sich, weil man sich mit Menschen auseinandersetzt, die sich in einer Krise befinden.

Professionell ist das Handeln dann, wenn ich es auch reflektiere.

Belastet werden kann zum einen das eigene psychische Wohlbefinden, zum anderen die Professionalität und die Qualität der Arbeit. In der Supervision kann ein Team sich fragen: Wie gehen wir als Team mit diesen Belastungen um, und wie macht es jede oder jeder einzelne? Wie gehen wir zum Beispiel mit den knappen zeitlichen Ressourcen um, die der Pflegenotstand mit sich bringt? Wie können wir trotzdem am Patientenbett professionell arbeiten? Um das eigene professionelle Denken und Handeln zu reflektieren und hinterfragen, ist die Supervision eine gute Möglichkeit.

Was heisst denn Professionalität genau? Ist es zum Beispiel unprofessionell, eine trauernde Angehörige zu umarmen?

Professionalität ist ein relativ weiter Begriff, der individuell unterschiedlich interpretiert wird. Dann spielt es auch eine Rolle, ob man sich in einer Institution befindet oder bei jemandem zu Hause. Denn das Setting verlangt auch nach gewissen Haltungen und Handlungsweisen. Um beim Beispiel zu bleiben: Es ist nicht per se unprofessionell, jemanden zu umarmen, und es bedeutet nicht, dass ich die professionelle Rolle damit verlasse. Doch professionell ist es nur dann, wenn ich dieses Handeln auch reflektiere. Stimmt das für meine Rolle, stimmt es für mich? Ich muss meine eigenen Grenzen kennen.

Sie sind ursprünglich Pflegfachfrau. Ist der gleiche berufliche Hintergrund zwingend, um eine gute Supervision durchführen zu können?

Nein, er ist nicht zwingend. Inhaltlich macht es aber sicher Sinn. Für fallbezogene Supervision ist es von Vorteil, wenn ein bisschen Verständnis für den Arbeitsbereich mitgebracht wird. Ansonsten ist es schwierig, eine wirklich unterstützende Rolle einzunehmen. Zudem wird man als Fachperson besser akzeptiert. Es ist viel schwieriger, in Teams Supervisionen durchzuführen, in denen man komplett themenfremd ist. Diese Gruppen sind dann viel kritischer, und es braucht mehr Arbeit, um eine gute Vertrauensbasis zu erarbeiten.

Was bedeutet «fallbezogen»?

Es werden weniger Dynamiken, Konflikte und Wertestrukturen im Team angeschaut, sondern es geht darum, konkrete Situationen von Patientinnen und Patienten zu besprechen. Als Resultat soll ein Plan erarbeitet werden, wie mit der Situation in Zukunft umgegangen werden kann.

Patientinnen und Patienten müssen eher Angst haben, wenn sie nicht durchgekaut werden.

Müssen unsere Patientinnen und Patienten nun fürchten, dass sie in den Supervisionen durchgekaut werden?

Nein, sie müssten eher Angst haben, wenn sie nicht durchgekaut würden (lacht). Wie gesagt: Die Supervision dient der Qualitätssicherung. Und wie immer, wenn Pflegende untereinander einen Fall besprechen, oder wenn mit einer Ärztin oder einem Sozialarbeiter ein Fall besprochen wird, fällt dies unter die Schweigepflicht. Patientinnen und Patienten müssen nicht befürchten, dass etwas nach aussen dringt. Die Supervision steht im Zeichen der bestmöglichen Unterstützung für die Patientinnen und Patienten. Es geht nicht darum, über sie zu lästern.

Aber Lästern wäre vielleicht ja auch einmal nötig.

Es gibt lästern und lästern. Wenn gelästert wird im Sinne, dass erzählt wird, was einem selber Schwierigkeiten bereitet, was Mühe macht oder was nervt, dann ist das in Ordnung. Schwierig wird es, wenn man nicht mehr aus dem Lästern herauskommt, und es nicht einer Lösungsfindung dient.

Weshalb ist eigentlich die Geschäftsleiterin von Onko Plus nicht bei der Supervision dabei?

Es stellt sich immer wieder die Frage, ob die Chefin oder der Chef in eine Supervision integriert werden soll. Damit Supervision förderlich ist, sollen Fehler zugegeben und ausgesprochen werden können, wenn jemand irgendwo ansteht. In der Regel fällt es leichter, solche Dinge zu deklarieren, wenn der oder die Vorgesetzte nicht dabei ist. Ein anderer Grund ist, dass die Chefin von Onko Plus in der Regel auch nicht so nahe an Patientinnen und Patienten dran ist. Wenn jedoch Strukturen betroffen sind und Änderungswünsche formuliert werden, über die die Chefin entscheiden muss, laden wir sie punktuell ein.

Nützt die Supervision bereits?

Das müssen sie das Team fragen! Ich bin nur einmal im Monat eineinhalb Stunden da, sehe nicht, wie sie tagtäglich arbeiten. Ich erhalte nur die Einblicke, die sie mir gewähren. Wir haben zudem erst vor einem halben Jahr damit begonnen. Was ich aber sagen kann: Die Mitarbeitenden sind für die Supervision sicher schon geübter. Man muss nämlich Schwierigkeiten formulieren können und das Vertrauen haben, dass man das auch darf. Noch immer gilt die Haltung: Ich bin nur gut, wenn ich keine Probleme habe oder nirgends anstehe. Diese Kultur muss sich ändern, und das ist bei Onko Plus auch schon ganz klar der Fall. Insofern ist eine Entwicklung festzustellen – und ja, die Supervision nützt.

Alle Patientinnen und Patienten von Onko Plus sterben früher oder später. Wie sollen Mitarbeitende mit dieser schwierigen Tatsache umgehen?

Ich bin davon überzeugt, dass bei der Arbeit im Palliativsetting nur gesund bleibt, wer sich mit der Thematik Tod und Sterben auch ganz persönlich auseinandersetzt. Das ist der grosse Unterschied zu anderen Bereichen in der Pflege oder überhaupt im Sozialwesen. Von fast allen anderen Themen oder Krankheiten kann man sagen, sie gingen einem nichts an: der Brustkrebs einer Patientin, die Darmkrankheit eines andern, die Beinamputation des dritten – die haben mit mir persönlich nichts zu tun. Von all dem kann ich mich als professionelle Person distanzieren – das trifft auch auf psychische Leiden, wie etwa Schizophrenie oder Depression zu – es hat nichts direkt mit mir zu tun.

Wichtig ist auch als Team Momente zu schaffen, in denen man gewissen Fälle abschliessen kann.

Beim Thema Sterben hingegen kann ich das nicht. Das trifft uns irgendwann alle. Das ist zu 100 Prozent sicher. Somit bin ich also auch immer persönlich involviert. Dieses Bewusstsein muss entwickelt werden, und ich muss mich damit auseinandersetzen und eine Haltung dazu finden.

Was hält einen ausserdem gesund?

Dazu dienen viele ganz unterschiedliche Strategien: Die einen wollen in der Freizeit etwas ganz Anderes tun, die anderen besprechen die Thematik gerne auch noch im Freundeskreis. Wichtig ist, dass man auch als Team etwas hat, das einen verbindet. Ganz salopp gesagt ist die Last, die man zu viert, zu fünft, zu sechst trägt, weniger schwer. Wichtig ist auch, als Team Momente zu schaffen, in denen gewisse Fälle abschlossen werden können. Man hat ja immer wieder neue Patientinnen und Patienten, lernt immer wieder neue Leute und Schicksale kennen. Man kann nicht immer alles permanent präsent halten, dazu reicht weder die Hirn- noch Emotionskapazität aus. Diese Rituale helfen deshalb auch, Abschnitte abzuschliessen und Platz für Neues zu schaffen.

Zur Person

Sabin Bührer (41) ist Psychologin und Psychotherapeutin und eröffnet am 17. März 2017 in Zürich-Wiedikon zusammen mit zwei Kolleginnen eine eigene Praxis für Psychotherapie (Psychotherapie für Erwachsene, Jugendliche und Kinder, www.perjuki.ch). Zudem leitet sie an der Zürcher Hochschule für angewandte Wissenschaften (ZHAW) im Departement Gesundheit, Institut für Pflege den Studiengang MAS in Patienten- und Familienedukation.

Bührer absolvierte ursprünglich eine Ausbildung zur Kinder- und Anästhesie-Pflegefachfrau, bevor sie auf dem zweiten Bildungsweg Psychologie studierte. Sie arbeitete als Psychotherapeutin und Psychoonkologin am UniversitätsSpital Zürich und im Hospiz Zürcher Lighthouse. Ihre Dissertation verfasste sie zum Thema «Optimierung des perioperativen Managements in der Kinderanästhesie».

2018-02-12T22:04:33+00:00 23.02.17|