Palliative Care ist mehr als die Medizin am Lebensende

Stefan Obrist und Sabine Fischer leiten zusammen die Palliativstation am UniversitätsSpital Zürich (Bilder: sa).

Am Mittwochabend fand am Universitätsspital Zürich eine Informationsveranstaltung über Palliative Care statt. Drei Institutionen stellten ihre Leistungen vor und berichteten aus ihrem Alltag. Sie machten klar: Je früher jemand palliativ behandelt wird, umso besser.

Der Palliativmediziner Stefan Obrist leitet zusammen mit der Pflegefachfrau Sabine Fischer die Palliativstation des Universitätsspitals Zürich (USZ). Diese Co-Leitung ist Ausdruck eines Grundsatzes der Palliative Care: Diese geschieht immer interprofessionell. Man wolle das Konzept von Krankheit, Therapie und Heilung nicht kippen, sagte Obrist am Mittwochabend in einem Hörsaal des USZ im Rahmen des «Forums» zum Thema Palliative Care. In der Palliativmedizin würden vielmehr die Akzente anders gesetzt: «Für uns steht die Lebensqualität der Patientinnen im Vordergrund. Was diese ausmacht, ist sehr individuell und kann nicht rein medizinisch definiert werden. Eine palliative Behandlung wird in den lebensgeschichtlichen Kontext eingebettet. Entscheidend ist immer die Sicht des Patienten.» Obrist wird manchmal gefragt, ob man denn wirklich todkrank sein müsse, um eine solche sinnvolle Behandlung erfahren zu dürfen. Er entgegne jeweils, die Grundsätze der Palliative Care färbten inzwischen glücklicherweise auch in andere Bereiche der Medizin ab.

Auch Angehörige haben Platz

Wenn Patientinnen zum ersten Mal mit Palliative Care in Berührung kommen, haben sie oft das Vorurteil, dass sie bald sterben werden. Um dies zu widerlegen, präsentierte Obrist die Ergebnisse einer Studie, wonach ein früher Einbezug der Palliativmedizin – parallel zu kurativen Therapien – nicht nur die Qualität des Lebens steigert, sondern es auch verlängert. Palliative Care sollte deshalb frühzeitig einbezogen werden, wenn möglich bereits ab dem Zeitpunkt der Diagnosestellung.

Auf der Palliativstation des USZ stehen acht Betten zur Verfügung. Wie Stationsleiterin Sabine Fischer ausführte, können Angehörige rund um die Uhr zu Besuch kommen und hätten Platz, dort zu übernachten. Ausserdem gehören zum Palliativangebot am USZ ein Konsiliarteam, das auch Patienten auf anderen Stationen behandelt, sowie eine ambulante Sprechstunde. Eine Zuhörerin fragte, ob es eine lange Warteliste gebe für die Palliativstation. «Die Belegung unserer Station ist es ebenso unvorhersehbar wie auf der Geburtenabteilung», sagte Obrist. «Manchmal ist sie übervoll. Manchmal haben wir fast keine Patienten.»

Obrist erklärte, wie die Palliativpflege finanziert wird: Im Akutspital wie zum Beispiel im USZ kommen Krankenkasse und der Kanton dafür auf. Die Betreuung in einer Langzeitinstitution wie etwa einem Hospiz übernehmen Krankenkasse, Gemeinde und Patientin. Hinzu kommen die Kosten für die Hotellerie, die der Patient bis zu einem gewissen Betrag ebenfalls selbst bezahlen muss. Ebenso ist es in der ambulanten Palliative Care: Diese finanzieren Krankenkasse, Gemeinde und mit einem kleinen Selbstbehalt von acht Franken die Stunde die Patientin selbst auf.

Ilona Schmidt und ein Gebärden-Dolmetscher.

Das Spital auf Rädern

Onko-Plus-Geschäftsleiterin Ilona Schmidt stellte die Leistungen der mobilen Palliative-Care-Teams vor. Ihre wichtigsten Grundpfeiler sind die 24-Stunden-Erreichbarkeit, das auf Schmerzen und andere komplexe Symptome spezialisierte Personal sowie die Verfügbarkeit der Medikamente und des Materials. Ihr Dienst gleiche einem «Spital auf Rädern». Schmidt betonte, dass Palliative Care im ambulanten Bereich ebenso interdisziplinär funktioniert wie im Spital: «Wir arbeiten eng mit der lokalen Spitex, Hausärztinnen sowie anderen Diensten zusammen.»

Am Beispiel von Kathrin Täschler – einer Patientin die sehr offen über sich im Onko-Plus-Blog erzählt hatte – zeigte sie, wie in der Betreuung zu Hause ganz individuelle Lösungen möglich sind. Weil die an Mandel-, Kehlkopf- und Zungenkrebs erkrankte Patientin nur noch schriftlich kommunizieren konnte, vereinbarte eine Onko-Plus-Pflegerin mit ihr, dass sie bei einem Notruf mit einem «Knackfrosch» ins Telefon knacken sollte: Einmal knacken heisst Ja, zwei Mal knacken Nein.

Marco Gebbers präsentierte einen Satz, den ihm einst ein Patient sagte, und der ihn seither begleitet.

Wie umgehen mit der «Zäsur im Leben»?

Marco Gebbers, der die Praxis für Psychoonkologie der Krebsliga Zürich leitet, sprach über Probleme, mit denen sich Menschen konfrontiert sehen, welche die Diagnose einer unheilbaren Krankheit erhalten haben. Neben der persönlichen Beratung in ganz praktischen Fragen – zum Beispiel sozialversicherungsrechtlicher Art – bietet die Krebsliga psychoonkologische sowie psychiatrische Behandlungen an.

Gerade der Übergang von der kurativen zur palliativen Krankheitsphase verlange von den Betroffenen enorme Anpassungsleistungen, sagte Gebbers. Zum Beispiel werde stark am Glauben oder der Daseinsfrage gerüttelt. «Bei unheilbaren Erkrankungen fragen wir uns dann, wozu wir unser Leben überhaupt noch anpassen sollten.» Ein schwieriges Thema seien für Schwerkranke auch zwischenmenschliche Beziehungen. Eine Studie habe gezeigt, dass 60 Prozent der Tumorerkrankten sagen, die Beziehung zu ihren engsten Bezugspersonen habe sich verschlechtert.

«Ohne Vermögen fast einfacher»

In der anschliessenden Diskussionsrunde wurde unter anderem die Frage nach der Finanzierung der Palliative-Care-Leistungen gestellt. «Welche Möglichkeiten haben Menschen, die nicht vermögend sind?», fragte eine Zuhörerin. Die Finanzierung sei paradoxerweise einfacher, wenn man überhaupt kein Vermögen habe, sagte Stefan Obrist. Dann würde die palliative Begleitung, zum Beispiel in einem Pflegeheim oder einem (nicht luxuriösen) Hospiz vom Sozialamt bezahlt oder mit Ergänzungsleistungen gedeckt. Verfüge aber jemand über ein Vermögen, auch wenn es eigentlich für etwas Anderes gedacht war, müsse dieses Geld häufig angetastet werden.

Aber nicht nur die Langzeit-Betreuung geht ins Geld, sondern auch eine 24-Stunden-Betreuung zu Hause ist teuer. Könnten diese Aufgabe die Angehörigen nicht übernehmen, müsse jemand, der kein Geld habe, tendenziell eher in eine Institution eintreten, führte Obrist aus.

2018-02-12T22:09:28+00:00 18.05.17|