Reden übers Sterben bei Kaffee und Kuchen

Teilnehmende des ersten «Gesprächs-Cafés» diskutierten in Zürich in intensiver, aber gelöst-heiterer Stimmung. Die Organisatoren des Cafés wollen Menschen einen Raum geben, sich mit Fragen rund ums Sterben zu beschäftigen. (Bild: sa)

Seit drei Monaten finden in Zürich offizielle «Cafés mortels» statt. Onko Plus hat die offene Gesprächsrunde mit ins Leben gerufen, die sich ganz undogmatisch Gedanken über die Themen Sterben und Tod macht. Ergeben hat sich ein angeregtes Nachdenken über wichtige Fragen des Lebens. Wie werde ich sterben? Wie kann ich die Angst vor dem Sterben ablegen? Was könnte mir dabei helfen? Um solche Fragen kreisen die sogenannten Gesprächs-Cafés, die einmal im Monat im Stadtzürcher Alterszentrum Klus Park stattfinden.

Eine Besucherin sagte, sie habe alles übers Sterben gelesen. Berichte über Nahtoderfahrungen, thanatologische Studien, Kübler-Ross. «Ich war eine gute Schülerin und dachte, ich sei gut vorbereitet. Als mir eine Spezialistin aber einen Herzkatheter vorschlug, fuhr mir die Angst in die Knochen.» Sie habe gemerkt, dass trotz all des Wissens die Angst noch immer vorhanden sei.

«Der Tod ist keine Massenveranstaltung»

Jeden zweiten Mittwoch im Monat werden sich nun in der Nähe des Klusplatzes in Zürich Menschen, die sich zuerst wildfremd sind, über existenzielle Fragen unterhalten. Auf der ganzen Welt finden diese Runden bereits statt, genannt «death cafes» oder eben «cafés mortels». Hinter der Zürcher Version steht neben Onko Plus, der Stiftung für mobile spezialisierte Palliativ- und Onkologiepflege, das Forum für Sterbekultur, das einen anthroposophischen Hintergrund hat. Beiden Veranstaltern ist es wichtig zu betonen, dass sie keine Wahrheiten vermitteln, sondern zusammen mit den Teilnehmenden dem Phänomen Lebensende auf den Grund gehen wollen.

Sie wolle nicht tot umfallen, sagte eine andere Frau. «Einen Prozess durchzumachen, Zeit zu haben zum Sterben, ist wichtig. Das habe ich beim Tod meines Mannes gelernt.» Jeder sterbe so, wie es ihm entspreche, sei sie überzeugt. «Der Tod ist keine Massenveranstaltung.»

«Das Café schafft eine gewisse Leichtigkeit, um sehr tief liegende Dinge mitzuteilen.»
Bernard Crettaz, Soziologe und Ethnologe

Die Organisatoren wollen Menschen einen Raum geben, sich mit Fragen rund ums Sterben zu beschäftigen. Ihre Beweggründe gehen in dieselbe Richtung wie jene des Café-Mortel-Erfinders: Der Walliser Soziologe und Ethnologe Bernard Crettaz begann 2004 solche Runden in Kaffeehäusern abzuhalten. «Das Café schafft eine gewisse Leichtigkeit, um sehr tief liegende Dinge mitzuteilen», wird Crettaz in einem Interview mit der Fachzeitschrift Curaviva zitiert. Der Tod blockiere und fasziniere die Menschen zugleich. Weil man sich dabei – anders als im Leben – nicht auf eigene Erfahrungen stützen kann, bleibt er ein Mysterium. Laut Crettaz ist die Beschäftigung mit dem Rätsel Tod eine menschliche Notwendigkeit. Es einfach zu akzeptieren – «das ist unerträglich».

Eine weitere Frau sagte am Gesprächs-Café im Klus, sie habe bei ihrer Arbeit in einem Pflegeheim stets gerne die Verstorbenen verabschiedet. «Sie anzuschauen hat mich jeweils ganz glücklich gemacht. Bis auf wenige Ausnahmen waren die Antlitze nämlich wunderschön.» Gleichzeitig habe sie als Fachfrau manch schwierigen Sterbeprozess erlebt. Deshalb gelte für sie: «Ich habe keine Angst vor dem Tod. Aber vor dem, was mich auf dem Weg dahin erwartet. Die Frage, die mich umtreibt, ist: Wie kann ich bis zuletzt Mensch sein?»

«Nie lebendiger gefühlt»

Viele, die erlebt haben, wie jemand stirbt, sagen, dieser aussergewöhnliche Moment habe sie bereichert. «Nie war das Leben mehr anwesend als in diesen zwei Situationen: Als meine Kinder auf die Welt kamen, oder wenn ich jemanden beim Sterben begleitete. Beide haben etwas Wahres und Heiliges», sagte eine Gesprächsteilnehmerin.

Auch eine weitere Frau, die als Freiwillige Sterbende begleitet, berichtete von einem besonderen Moment, nach dem Tod eines Patienten. Ihr war es gelungen, die Atmung des Sterbenden zu beruhigen, indem sie ihm ab ihrem Handy Panflötenmusik vorspielte. Intuitiv hatte sie offenbar das Richtige getan. Auf dieses Urvertrauen könne man sich vermutlich auch beim eigenen Tod verlassen, sagte Eveline Häberli von Onko Plus. Mitorganisator Franz Ackermann vom Forum für Sterbekultur formulierte es so: «Man muss nach innen hören, auf sein Bauchgefühl vertrauen.»

«Man muss nichts tun, wenn jemand stirbt, sondern geschehen lassen.»
Franz Ackermann, www.sterben.ch

Ob es nun Urvertrauen, Bauchgefühl oder die innere Stimme genannt wird. Es brauche diese Instanz, die einen leite, meinte Ackermann. «Man muss nichts tun, wenn jemand stirbt, sondern geschehen lassen. Man darf nicht im Weg sein.»

Die Beschäftigung mit dem Tod wirkt sich positiv auf das Leben aus, davon zeigte sich das Organisationsteam überzeugt. Sie hilft einen, die wirklich wichtigen Dinge nicht zu verschieben. Und sie erfüllt einen im Idealfall mit einem tieferen Sinn, mehr Gelassenheit, mit Leben. Die intensive, aber gelöst-heitere Stimmung am ersten Gesprächs-Café, die immer wieder in lautes Lachen kippte, macht jedenfalls Lust auf mehr.

Dieser Text ist zuerst auf der Website von palliative zh+sh, der lokalen Gesellschaft für Palliative Care, erschienen.

2018-02-12T22:46:42+00:00 25.11.16|