«Wir können Schmerzen zu Hause gleich gut kontrollieren wie im Spital»

Eine Patientin nimmt neben einem Grundmedikament, das sie über eine Schmerzpumpe erhält, selbstständig Methadon-Tropfen, um Schmerzspitzen kurzfristig einzudämmen (Bild: Sabine Rock).

Die meisten Patientinnen und Patienten, die Onko Plus behandelt, haben Schmerzen, zum Teil höllische Schmerzen. Palliativpflegefachfrau Nicole Rieser sagt, wie diese am besten ambulant bekämpft werden können. Sie hält nächste Woche ein Referat zum Thema «Schmerzen zu Hause» an einer Tagung von Onkologiepflege Schweiz in Olten .

Wie unterscheiden sich Schmerzen zu Hause von Schmerzen im Spital?

Nicole Rieser: Eigentlich sollte es keinen Unterschied geben. Wir können eine gute Qualität in der Schmerzeinstellung zu Hause aufgleisen, indem wir alle Spezialistinnen und Spezialisten ins Boot holen. Manchmal hält jedoch das Umfeld die Schmerzsituation nicht so gut aus oder weiss nicht, wie reagieren. Das kann die Situation erschweren. Es lastet sehr viel auf den Angehörigen.

Das heisst, die Angehörigen sind zu Hause mehr mit den Schmerzen konfrontiert, die eine Patientin oder ein Patient hat?

Ganz genau. Häufig warten Angehörige zu lange, bis die Situation fast eskaliert, alle verzweifelt sind, und die betroffene Person ins Spital eingeliefert werden muss. Im Spital kann man zum Beispiel eine Epiduralanästhesie, eine rückenmarksnahe Regionalanästhesie, gezielter machen bei extremen neurologischen Schmerzen. Ansonsten können wir Schmerzen zu Hause genau gleich gut kontrollieren wie im Krankenhaus. Wir verwenden hochdosierte Medikamente in einem therapeutischen Rahmen, ohne dass die Patientinnen und Patienten starke Nebenwirkungen wie etwa benebelte Sinne in Kauf nehmen müssen. Denn sie sollen noch reagieren und handeln können und sagen, was ihnen wichtig ist. Viele von ihnen haben auch eine Schmerzpumpe, mit der sie selber auf Schmerzspitzen reagieren können. Sogar eine palliative Sedation ist zu Hause möglich, bei der wir sie in einen künstlichen Tiefschlaf versetzen.

«Wir müssen genau hinschauen, damit wir nichts verpassen.»

Was ist eigentlich Schmerz?

Schmerz ist das, was jeder selbst als Schmerz bezeichnet. Gleichzeitig ist er ein hochkomplexes, neurologisches Phänomen, das mit Reizen zu tun hat, die als Information über das Rückenmark ins Gehirn geleitet werden und dort Reflexe auslösen. Schmerzempfindung ist sehr individuell. Es gibt Menschen, die mehr Schmerz ertragen können als andere. Unsere Aufgabe ist es deshalb, den Patienten in seinen Schilderungen des Schmerzes ernst zu nehmen und zu schauen, was ihm gezielt hilft, den Schmerz als erträglich zu empfinden.

Welche Hilfsmittel gibt es neben den angesprochenen Opiaten?

Je nach Schmerzen sind nicht immer Opiate indiziert. Es geht zuerst darum herauszufinden, woher die Schmerzen rühren. Sind es Bauchschmerzen wegen einer Verstopfung als Nebenwirkung? Die müsste man dann natürlich anders behandeln als mit Schmerzmitteln. Wir müssen genau hinschauen, damit wir nichts verpassen.

Was ist sonst noch wichtig im Zusammenhang mit der Schmerzbekämpfung?

Ich erlebe häufig, dass Spezialistinnen und Spezialisten entweder keine kurzwirksamen Medikamente verordnen oder gar keine Reserve. Unkontrollierte Schmerzen machen die Patientinnen und Patienten hilflos. Es ist sehr wichtig, dass diese Mittel gezielt eingesetzt werden. Das gilt ebenso für die Dosierung. Um die Opiate ranken sich Mythen, zum Beispiel dass sie einen verladen oder abhängig machen sollen. Ein weitere Vorurteil besagt, dass nur Sterbende Morphin erhalten. Dabei können Opiate ganz viel Lebensqualität wecken.

«Ein grosses seelisches Leiden kann den körperlichen Schmerz verstärken. In solchen Fällen sprechen wir von «total pain», dem totalen Schmerz.»

Ist der Schmerz in palliativen Situationen anders? Hat die Unheilbarkeit einen Einfluss?

Der Schmerz ist nicht viel anders. In einer palliativen Situation ist jedoch besonders wichtig, dass man offen darüber spricht und ihn ganzheitlich therapiert. Ein grosses seelisches Leiden kann den körperlichen Schmerz verstärken. In solchen Fällen sprechen wir von «total pain», dem totalen Schmerz. Den müssen wir interdisziplinär angehen. In der Palliativmedizin orientieren wir uns an den Zielen, die eine Patientin noch hat, daran, was sie noch erleben will. Darauf arbeiten wir hin. Wir können unsere schulmedizinischen Therapien immer auch mit alternativen Methoden kombinieren, zum Beispiel mit Musiktherapie oder Akupressur.

Wie wichtig ist die soziale Komponente beim «total pain»?

Mir ist das Beispiel einer jungen Frau geblieben, die noch kleine Kinder hatte. Dort konnten wir das Leiden auf anderem Weg nicht lindern, als sie jeweils in der Nacht zu sedieren, damit sie schlafen konnte. Man kann nicht jedes Problem mit einem Gespräch lösen. Familienkonstrukte sind jahrelang gewachsen und deshalb manchmal sehr starr. Wir schauen trotzdem, dass ein Mensch Ruhe finden, sich lösen und das Problem vielleicht aus einem anderen Blickwinkel betrachten kann.

Nur schon die Vorstellung, dass man seine Kinder zurücklassen muss, zerreisst einem das Herz.

Ja, das ist etwas vom Schlimmsten. Es gibt aber Eltern, die einen Weg finden, damit umzugehen, zum Beispiel indem sie dem Partner, der Partnerin Aufträge erteilen oder den Kindern Briefe schreiben, die sie, wenn sie grösser sind, lesen und sich an ihre Mutter oder ihren Vater erinnern können. Das braucht ganz viel Begleitung, und wenn wir merken, dass wir selbst nicht weiterkommen holen wir psychologische oder seelsorgerische Hilfe dazu. In Kombination damit können auch angstlösende Medikamente Sinn machen.

«Das Stigma, das Opiate haben, existiert übrigens auf beiden Seiten: bei Patienten und bei Ärztinnen und Ärzten, die diese viel zu zurückhaltend verordnen.»

Welche Fehler geschehen am häufigsten im Zusammenhang mit Schmerzen?

Man muss die Palliativmedizin frühzeitig einsetzen, und man muss die Möglichkeiten, die man hat, auch ausschöpfen. Wir können etwa trizyklische Therapien einsetzen, in die auch noch Antidepressiva und Neuroleptika integriert sind. Als Pflegende muss ich ausserdem den Patienten immer wieder aktiv nach seinen Schmerzen fragen, die Medikation entsprechend anpassen und darf nicht davon ausgehen, dass er sich selber meldet. Ich muss auch Reserven anbieten können, die kurzwirksam sind. Mit einer Grunddosierung ist es noch nicht getan. Das Stigma, das Opiate haben, existiert übrigens auf beiden Seiten: bei Patienten und bei Ärztinnen und Ärzten, die diese viel zu zurückhaltend verordnen.

Welche Vorurteile bezüglich Opioiden haben Ärztinnen und Ärzte denn?

Sie denken, Opiate seien gefährlich, weil sie zu Atemproblemen, zu Verwirrung oder unkontrollierbarer Verstopfung führen, dass sie nur bei terminalen Patienten eingesetzt werden oder dass sie süchtig machten. Das wurde jedoch alles wissenschaftlich widerlegt.

Zur Person

Nicole Rieser ist diplomierte Pflegefachfrau HF, hat einen Master in Palliative Care und einen CAS FH in Management of Healthcare Institutions gemacht.

2018-02-12T22:09:02+00:00 18.10.17|