Zwischen Leben und Tod

Anna Wörsdörfer spricht Kathrin Täschler Mut zu. «Ich sehe meine Begleitung als Angst-Mittragende und Mutmachende zum Loslassen und Hineingeben in grössere Hände, die sie sicher auffangen», sagt die Freundin, die Behindertenseelsorgerin ist. (Bild: sa)

Kathrin Täschlers Allgemeinzustand hat sich verschlechtert. Sie selber willigte deshalb ein, in die Palliativstation des Universitätsspitals Zürich (USZ) einzutreten. Dort verschlief sie ihren 51. Geburtstag mehr oder weniger.

Das dritte Interview mit Kathrin Täschler findet nicht wie geplant statt. Sie sei im Spital, schreibt mir meine Chefin einen Tag zuvor. Es gehe ihr schlechter. Ich solle mich mit Bernhard Süess in Verbindung setzen. Er war 17 Jahre lang Täschlers Partner. Heute ist er ihr bester Freund und ihre Verbindung nach aussen.

Es gehe ihr nicht gut, sagt dieser. Ihr Allgemeinzustand habe sich stark verschlechtert. Zu den Atemproblemen kam ein Infekt auf der Lunge dazu. Ausserdem habe sie nachts nicht einmal mehr aufstehen können, um auf die Toilette zu gehen. Es stellte sich die Frage, ob sie zu Hause 24-Stunden-Betreuung oder doch in die Palliativstation des USZ zu Stefan Obrist wolle. Sie schätze den Palliativmediziner sehr, hatte mir Kathrin Täschler bei einem früheren Gespräch erzählt.

Am Montag konnte sie in die Palliativstation eintreten. Spitex und Onko Plus hatten es so organisiert, dass die Patientin direkt auf die Palliativstation kam und nicht den Umweg über den Notfall machen musste.

Ich durfte nichts helfen, obwohl sie damals schon schwach auf den Beinen gewesen ist.

Am Dienstag ist Kathrin Täschler 51 Jahre alt geworden. Sie wollte eigentlich mit Freundinnen feiern, hatte einen Tisch in einem Restaurant reserviert, von dem aus man einen wunderbaren Blick über den Zürichsee geniesst. Sie ist die vollendete Gastgeberin, das hatte ich selbst bei meinen zwei Besuchen erfahren. Sie servierte mir Kaffee und Kuchen oder edles Mineralwasser aus der Flasche. Ich durfte nichts abräumen, obwohl sie ja schon damals schwach auf den Beinen gewesen sein muss. Anmerken liess sie sich praktisch nichts.

Den Geburtstag hatte sie mehr oder weniger verschlafen, die Nacht zuvor sei unruhig gewesen, erzählt ihr Freund. Ich frage, ob ich sie trotzdem besuche dürfe. Ja klar, sie freue sich sicher, meint er. Als ich komme sind neben ihm eine ihrer Schwestern und eine Freundin da. Kathrin Täschler wurde eben umgelagert. Ihr Oberkörper ist seitwärts auf die Decke und das Kissen gebettet, was ihr das Atmen erleichtern soll. Die Beine hat sie angezogen. Sie trägt kein Spitalnachthemd. Das hasse sie, erzählt ihr Ex-Partner. Er habe ihr ein T-Shirt mitgebracht.

Mir fällt ihr Haar auf. Es sieht frisch gewaschen aus, ist perfekt gesträhnt und zu einem lockeren Dutt gesteckt. Darin weisse Stoffblumen.

Jetzt zeugt nur noch ein buntes Kissen von ihrem Sinn für Ästhetik.

Sie hält ihre Augen geschlossen, scheint zu schlafen. Sie reagiert aber, als ich mit ihr spreche, als versuche sie, sich weiter aufzurichten. Ich drücke ihr die Hand, gratuliere zum Geburtstag, stelle die weisse Rose auf den Nachttisch. Ihre Wohnung ist ganz in Weiss gehalten. Sie hatte nach ihrer Trennung von ihrem Partner, als sie in ihre eigene Wohnung zog, alle Möbel weiss gestrichen. «Shabby chic» nennt sie es. Sie hat ein Flair fürs Dekorieren, wusste genau, was ihr gefiel.

Jetzt im Spital zeugt nur noch ein buntes Kissen mit Blumenmuster von ihrem Sinn für Ästhetik.

Anna Wörsdörfer streicht Kathrin Täschler über die Stirn. Die beiden kennen sich aus einem Kurs für Gebärdensprache. Täschler dachte damals, dass dies eine Möglichkeit zum Kommunizieren sein könnte. Ihr wurden 2013 der Kehlkopf und drei Viertel der Zunge entfernt. Mit Hilfe einer Logopädin lernte sie aber, ihre Stimme wieder zu brauchen. Seit September kommuniziert sie jedoch nur noch schriftlich. Das Sprechen wurde ihr wegen der Atmung und einem Würgereflex zu anstrengend. Ihre Antworten hatte sie in unseren Gesprächen jeweils mit schwungvoller Schrift auf einen Block geschrieben.

«Wenn du nicht mehr weitergehen kannst, kommt dir Gott entgegen und trägt dich.»

Wörsdörfer, die Behindertenseelsorgeirn ist, spricht sanft, aber laut mit Täschler. Sie erzählt, dass sie ihr eine herzförmige Urne besorgen möchte. Eigentlich wollte Täschler diese noch selbst gestalten. Sie wisse genau, was ihre Freundin sich nach ihrem Tod wünsche, sagt Wörsdörfer. «Wir haben oft darüber geredet.» Ihre Asche soll auf ihrer Lieblingsinsel Sylt, ihrem Kraftort, ins Meer gestreut werden. Kathrin Täschler glaube an Gott. Die Seelsorgerin möchte ihr die Angst vor dem Sterben nehmen. «Fürchte dich nicht, Kathrin. Wenn du nicht mehr weitergehen kannst, kommt dir Gott entgegen und trägt dich.»

Wörsdörfers ruhige Stimme tut auch mir gut. Ich verabschiede mich von Kathrin Täschler.

Am nächsten Tag schreibt Bernhard Süess eine SMS: «Kathrin hat die Nacht mit gewissen Atemkämpfen gut überstanden. Gut, dass sie seit gestern eine Sitzwache hatte. Die Medikamente sind gut eingestellt. Sie ist heute Morgen in kurzen Momenten sogar ansprechbar.»

Zur Person

Kathrin Täschler (50) ist Naturheilpraktikerin und diplomierte Masseurin. 2010 erkrankte sie an Mandelkrebs, erholte sich aber wieder. 2013 wurden ihr auch Kehlkopf- und Zungenkrebs diagnostiziert. Daraufhin wurden ihr der Kehlkopf und drei Viertel der Zunge entfernt. Sie lernte wieder sprechen, konnte aber nur noch Püriertes essen. Zwei Jahre lang ging es ihr gut, sie widmete sich ihren Hobbys und reiste viel. Sie lebte damals bereits von der IV, massierte bis Juli 2016 aber noch zwei Mal pro Woche.

2014 fand man Metastasen auf ihrer Lunge. Sie beschloss, nur noch alternative Therapien wie Mistel- oder Fiebertherapien dagegen anzuwenden und ihr Leben zu leben. Unter anderem verbrachte sie mehrere Monate auf Sylt und schrieb dort ihre Biografie nieder.

Im zweiten Halbjahr 2016 häuften sich ihre körperlichen Probleme: Sie hatte mit Schmerzen in der Lunge und Atemproblemen zu kämpfen, das Sprechen fiel ihr immer schwerer. Ein Pilz im Mund und in der Speiseröhre liess sie andauernd erbrechen. Sie verlor an Gewicht. Mit nur noch 42 Kilogramm erhielt sie schliesslich eine Magensonde. Seither kommuniziert sie schreibend mit dem Gegenüber und lebt nach drei Wochen im Hospiz wieder zu Hause in ihrer eigenen Wohnung in Zürich-Oerlikon. Dort wollte sie ursprünglich auch bleiben bis zu ihrem Tod. Seit Montag ist sie auf der Palliativstation des Universitätsspitals Zürich (USZ).

Kathrin Täschler ist mit verschiedenen Verlagen im Kontakt. Sie hofft, dass das Erscheinen ihres Buches, in dem sie ihr Schicksal festgehalten hat, noch erlebt.

2018-02-12T20:26:43+00:00 20.01.17|